„Immer reingehen, statt zu vermeiden“ – Das erste Resümee einer mutigen Entscheidung

„Immer reingehen, statt zu vermeiden“ – Das erste Resümee einer mutigen Entscheidung

Julia Baß hat seit Anfang August die Position als Bereichsleitung der Pflege für das Zentrum für Seelische Gesundheit und als stellvertretende Pflegedirektorin des Helios Park-Klinikums Leipzig inne. In dieser ersten Zeit ist sie Stück für Stück in die Führungsposition hineingewachsen. Die gelernte Pflegekraft möchte eine wertschätzende, transparente Kommunikationskultur etablieren und der Pflege Raum geben, ihren Wert zu kennen.

Julia Baß hat ihren Weg bei uns 2009 auf der Station 6, einer geschlossenen psychiatrischen Station, begonnen. Auch während ihrer späteren Weiterbildung zur Hygienefachkraft stand fest, dass sie in der Psychiatrie bleiben möchte. Die Arbeit mit der seelischen Gesundheit liegt wohl in ihren Wurzeln: „Ich komme aus einem Ort, wo es eine ganz große psychiatrische Klinik gibt. Man kann sagen, eine Hälfte des Dorfes waren Dorfbewohner und die andere Hälfte war die psychiatrische Klinik“, erzählt Julia Baß. „Meine Oma war Stationsschwester auf einer geschlossenen Station. Mein Opa war Psychiater. Und so bin da irgendwie reingerutscht und hatte schon immer ein gewisses Verständnis für Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen.“ Aus diesem Verständnis hat sich mit den Jahren der Erfahrung ein starkes Bewusstsein entwickelt: „Diese Arbeit hat viel mit Haltung zu tun. Mit Unvoreingenommenheit und ganz viel Geduld“, ist sich Julia Baß sicher. „Sie brauchen so ein tiefes Grundverständnis, dass sich niemand aussucht, psychiatrisch zu erkranken. Heutzutage bewegen wir uns auf Augenhöhe. Die Patient:innen werden immer mehr eingeschlossen in die Behandlung. Wir agieren nicht für sie, sondern zusammen.“

Eine Chance zur richtigen Zeit

Klinikgesichter Julia Baß

In ihrer vorherigen Rolle als Hygienefachkraft hat Julia Baß viele Schulungen durchgeführt und Beratung geleistet, Standards umgesetzt und Statistik geführt: „Da war ich immer die, die kontrolliert und Sachen anweist“, erinnert sie sich und fügt schmunzelnd hinzu: „Das ist sicherlich nicht immer positiv besetzt – ‚Boah‘, jetzt kommt die von der Hygiene schon wieder!‘“ Und doch, die Arbeit auf den Stationen, der tägliche Kontakt zu den verschiedenen Teams und Kolleg:innen hat Julia Baß Freude bereitet – und macht den Sprung zur Führungskraft leichter. „Irgendwie hatte ich überall schon einen Fuß drin, das war das Schöne.“ Für den Vertrauensvorschuss ihres Umfelds ist sie dankbar. „Denn man muss sagen, ich war vorher keine Führungskraft. Manchmal braucht man einfach ein bisschen Mut.“ Und obwohl die Entscheidung für die Stelle als Bereichsleitung und stellvertretende Pflegedirektorin Mut und viel Zuspruch aus dem sozialen Netzwerk erfordert hat, waren die positiven Schwingungen von Beginn an da. „Da war diese Zuversicht, die ich irgendwie immer habe im Leben. Vielleicht ist es jetzt genau die Zeit, dass sich genau diese Chance ergibt und dann probiert man es.“ Eine neue Vollzeitstelle als Führungskraft, das berufsbegleitende Studium der Gesundheitspsychologie, Zeit mit der Familie? Eine Herausforderung, aber nicht unmöglich!

Sich etwas (zu)trauen

Klinikgesichter Julia Baß

In ihrem ersten 100-Tage-Resümee erfreut sich Julia Baß vieler erster Entwicklungen. „Wir sind noch enger zusammen gerutscht und es baut sich immer mehr eine Kommunikationskultur auf, die viel mit Wertschätzung und Offenheit zu tun hat. Natürlich sagen Mitarbeitende nicht immer nur positive Dinge zu mir – aber die sagen es halt.“ Als Bereichsleitung und Stellvertretung der Pflegedirektion möchte die ehemalige Pflegekraft nicht von allen geliebt werden, das höchste Gut ist für sie ein professionelles, offenes Miteinander. Besonders in unangenehmen Gesprächen kommt dieser Wert zum Tragen: „Wir nehmen ja auch Einfluss auf Lebenswege. Das ist nicht einfach. Das Wichtigste ist für mich, dass ich dahinterstehe und transparent kommuniziere.“

Die Vision ihrer Arbeit ist es, dass Mitarbeitende der Pflege sich ihres Wertes bewusst sind und diesen leben. „Dass jede Pflegekraft weiß: Ich habe eine Ausbildung, ich habe was geleistet und ich stehe jeden Tag an erster Front – ich kann mir was zutrauen.“ Neben diesem großen Ziel geht es auch um den täglichen Umgang: „Wenn ich auf Station komme und das Gefühl habe, willkommen zu sein, gibt mir das ein Gefühl von Vertrauen. Es gibt Stationen, da kommt man rein und hört schon lautes Lachen – das ist herrlich!“

Wenn ich auf Station komme und das Gefühl habe, willkommen zu sein, gibt mir das ein Gefühl von Vertrauen. Es gibt Stationen, da kommt man rein und hört schon lautes Lachen – das ist herrlich!

Julia Baß, Bereichsleitung Pflege im Zentrum für Seelische Gesundheit und stellvertretende Pflegedirektorin des Helios Park-Klinikums Leipzig