Vom Alltag der Transplantationsambulanz

Wenn ein neues, nein ein gebrauchtes gesundes Herz wieder anfängt zu schlagen

Wenn ein neues, nein ein gebrauchtes gesundes Herz wieder anfängt zu schlagen

Elke Scholz-Zeh ist seit fast 25 Jahren im Klinikbetrieb tätig. Als Pflegekraft arbeitete sie lange Zeit auf Intensiv- und Transplantationsstationen. Seit 2012 ist sie eine von zwei Koordinatorinnen für Herztransplantationen am Herzzentrum Leipzig. Dieses hat 2020 einen Transplantationsrekord von 41 transplantierten Herzen zu verzeichnen. Ob im Ethikkomitee, im Verein für Herz-Lungen-Transplantation oder in ihrer täglichen Arbeit – mit ihrer professionellen Erfahrung und einem unumstößlichen Engagement setzt sich Elke Scholz-Zeh für die bestmögliche Versorgung der Patient*innen ein.

„Ich arbeite mit den Transplantationspatient*innen, das sind im Moment 270 hier im Herzzentrum. Manche befassen sich schon länger mit dem Thema, andere sind absolut neu in der Thematik. Ich biete ihnen an, Informationen bereitzustellen und im Vorfeld alle Fragen zu klären. Die Nachsorge bringt viele neue Lebensumstände mit sich, zum Beispiel was die Ernährung, Hygiene und Medikamente betrifft.“ Ein neues Herz, also eigentlich ein gebrauchtes gesundes Herz. Für gesunde Menschen ist es kaum vorstellbar, welche medizinischen und menschlichen Herausforderungen das bedeutet.

Zu erklären, dass jemand ein neues Herz braucht, ist eine Aufgabe, die das ganze Team erfordert – von Psycholog*innen bis zu den Ärzt*innen. Das ist sehr individuell, darum ist da Teamwork gefragt. Dazu haben wir jede Woche eine Konferenz, in der wir überdisziplinär die Fälle besprechen",

erzählt Scholz-Zeh.
Elke Scholz-Zeh im Gespräch

Um die Patient*innen so einfühlsam wie möglich auf den Eingriff vorzubereiten, bietet Elke Scholz-Zeh neben Informationsgesprächen und -materialien auch Tipps für Internetseiten, Filme und Bücher an – oder vermittelt Betroffene an Menschen, die eine Transplantation schon hinter sich haben.

Dieser Austausch kann für Betroffene sehr hilfreich sein. So besonders die Situation auch ist – sie sind nicht allein: „Wir haben auch einen Verein, den HLTX e.V., der hier im Herzzentrum entstanden ist. Da bin ich Vorsitzende. Das ist eine gemeinnützige und eingetragene Selbsthilfegruppe von Herztransplantierten, die wir bei uns etabliert haben. Wir hatten Glück, dass wir in der Region einige engagierte Herztransplantierte hatten. Die sind teilweise auch sportlich sehr aktiv und es gibt nationale und internationale Sportwettkämpfe für transplantierte Menschen. Für unsere Patient*innen ist das eine große Motivation.“ Die Vernetzung erstreckt sich nicht nur über die (ehemaligen) Betroffenen, ihre Angehörigen und das medizinische Personal. Auch die Sensibilisierung für Organspende in der breiten Bevölkerung, beispielsweise an Schulen, liegt Scholz-Zeh am Herzen. „Was würde ich mir für meine Organe wünschen, wenn ich es mal nicht mehr entscheiden kann? Es kann jedem etwas passieren, das Organspende zum Thema macht – als Spender und Empfänger. Egal ob dafür oder dagegen –  Mir ist es wichtig, dass die Menschen eine Entscheidung treffen.“

Elke Scholz-Zeh im Gespräch

Doch wie gestaltet sich der Prozess der Vergabe eines Spenderorgans? Grundsätzlich geht es um die Dringlichkeit. So berichtet die Koordinatorin: „Die Menschen müssen ‚krank genug‘ sein, um als Spender*innen in Frage zu kommen, aber nicht so krank, dass sie die OP vielleicht nicht überstehen.“ Sobald ein Organ in Deutschland zur Verfügung stehe, würde entschieden werden, in welche Stadt es kommt. Dabei geht es um Priorität, aber auch um die Distanz. „Ein Herz darf im Idealfall nur vier Stunden außerhalb des Körpers transportiert werden.“ Kommt ein*e Patient*in aus Leipzig in Frage, beginnt ein hochoptimierter Ablauf: „Dann fährt ein Team in das Krankenhaus, in dem sich das Organ befindet und bewertet vor Ort während der Entnahme, ob es sich für den entsprechenden Empfänger eignet. Wenn das der Fall ist, werden wir hier in Leipzig benachrichtigt, die OP einzuleiten. Die Entnahme des Herzens bei unserem Patienten benötigt auch seine Zeit, besonders, wenn es sich um ein Patienten oder Patientin mit Herzunterstützungssystem handelt. Die Zeit zwischen Entnahme und Transplantation muss so kurz wie möglich sein.“

Scholz-Zeh im Gespräch

Scholz-Zeh erzählt, dass sie schon einige Male bei einer Transplantation im OP-Saal dabei war. Besonders der Unterschied zwischen dem Spender- und Empfängerorgan sei für sie beeindruckend. „Das kranke Herz ist mitunter doppelt so groß wie das gesunde. Da fragt man sich wirklich, wie das noch funktionieren konnte. Und das neue Herz ist ja eigentlich auch gebraucht – nur eben gesund. Ich war zwei, drei Mal mit im OP, aber leider nie in dem Moment, wenn das neue Herz anfängt zu schlagen. Das ist auch für die Operateur*innen eine extrem ergreifende Situation.“

Doch nicht jeder Verlauf sei einfach. Wenn sich der Zustand eines Menschen nach der Transplantation abrupt verschlechtere, zögere sie jedoch nicht, Kontakt mit den Angehörigen aufzunehmen: „Auch das gehört zum Beruf und diesen Situationen muss man sich stellen. Wir erleben hier jedes Jahr auch Katastrophen, die einem wirklich nahe gehen. Aber am Ende gleichen sie sich mit den vielen tollen Erlebnissen aus.“ Um auch den Mitarbeitenden eine gute Verarbeitung des Erlebten zu ermöglichen, stünde das Team in regelmäßigem Austausch mit ihren Psycholog*innen und auch miteinander, erzählt die Koordinatorin. Außerdem habe ihr Mann ein offenes Ohr, wenn von der Arbeit doch mal etwas mit nach Hause käme: „Ich bin nicht der Typ, der hier rausgeht und alles hinter sich lässt. Manchmal war es dann doch etwas viel. Das trage ich dann immer noch ein bisschen mit. Da spreche ich mich mit meinem Mann vorher ab, ob er es hören möchte.“

Auch die Umstände der Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus verändert die tägliche Arbeit auf der Transplantationsstation. Während der Betrieb teilweise minimiert werden musste, sieht Scholz-Zeh jedoch ebenso die positiven Seiten: „Bei vielen Leuten, die ein Spenderorgan haben, ist das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes und Desinfektion sowieso lange Zeit nach der Operation noch Alltag. Diese konnten die Maßnahmen viel einfacher umsetzen als Otto-Normal-Bürger*innen. Es gab viel Verunsicherung, aber keine Panik.“

Fast liest es sich wie ein Krimi – ein Spiel auf Zeit, in dem es um Leben und Tod geht. Wie schafft die ehemalige Pflegekraft es, die Nerven zu behalten und motiviert zu bleiben? „Das positive Feedback, das wir bekommen, stimmt mich sehr optimistisch und verdeutlicht mir, wieviel Lebensqualität wir den Menschen zurückgeben. Nicht nur den Schwerkranken selbst, sondern auch den Angehörigen, die teilweise seit Jahren dabei sind, unterstützen und mitleiden. Das motiviert mich sehr. Wenn ich nach Entlassung mit unseren Patient*innen telefoniere und es ihnen gut geht, bin ich genauso zufrieden.“