In einem (sucht-)freien Leben fallen und wieder aufstehen

In einem (sucht-)freien Leben fallen und wieder aufstehen

Christiane Mette ist von Hause aus Sozialarbeiterin. In der Soteria Klinik am Helios Park-Klinikum Leipzig ist sie eine von zwei Gruppentherapeutinnen in der Adaption, der zweiten Phase der Suchtrehabilitation. Täglich begleitet sie Menschen, deren oftmals schwerer Lebensweg sie in die Sucht geführt hat und die ihr Leben nun neu gestalten wollen. Ein überraschendes, komplexes, doch immer lohnenswertes Unterfangen.

„Ich glaube, dass viele suchtkranke Menschen eine enorm hohe Empfindsamkeit und Sensibilität haben und häufig genau darum krank werden. Viele leiden an den Schwierigkeiten des Lebens einfach mehr als andere.“ Im Rahmen von Gruppentherapien und einzeltherapeutischen Gesprächen lernt Sozialarbeiterin Christiane Mette suchtkranke Menschen sehr intensiv kennen. „Das gesellschaftliche Bild ist vom Alkoholiker vorm Aldi geprägt – der Klassiker“, erzählt sie über das Stigma der Sucht, „doch das stimmt einfach nicht. Es sind vielschichtige Menschen mit teilweise furchtbar harten Lebensgeschichten.“ Diese Menschen auf ihrem Weg in ein freies Leben zu begleiten, beschreibt Christiane Mette als unheimlich spannende, dankbare Tätigkeit.

In soziale Problemlagen reinfuchsen

Schon im Studium stellt sich der klinische Bereich der Sozialdienstarbeit als Mettes Stärke heraus. Dass die stationäre Arbeit mit Suchtkranken ihr besonders liegt, merkt sie während eines Praktikums in der Soteria Klinik. Als die damalige Leiterin ihr mitteilt, dass genau dort eine Stelle frei wird, entscheidet sie – das Studium gerade abgeschlossen – die Möglichkeit zu ergreifen. In den folgenden drei Jahren arbeitet Christiane Mette im klassischen Sozialdienst, bevor sie 2010 ihre heutige Position einnimmt. Neben dem therapeutischen Anteil gehören auch sozialrechtliche Angelegenheiten oder Teambesprechungen zum Berufsalltag. „Es ist immer wieder überraschend und schön, etwas Neues kennenzulernen. Mich in komplexe soziale Problemlagen reinzufuchsen, finde ich spannend. Man lernt unheimlich viel über sich selbst – Das macht wirklich Spaß.“

Unsere Patient:innen kommen hier in einen Raum, den sie nicht kennen. Und gerade für suchtkranke Menschen ist es nicht ganz so einfach, in etwas Unbekanntes zu gehen

beschreibt die Gruppentherapeutin Christiane Mette die derzeitige Situation.

Gang ins Unbekannte

Durch die Pandemie hat sich im Laufe des letzten Jahres auch die Arbeit von Christiane Mette stark verändert. Ein Prozess, der vom Beziehungsaufbau lebt, muss weitestgehend in Distanz stattfinden. Vorstellungs- und Übernahmegespräche können nicht in Präsenz geführt werden, Gruppensitzungen müssen auf eine kleine Anzahl Teilnehmender umstrukturiert werden, Formalien, wie ein negativer Corona-Test, sind erforderlich. Das Ankommen – im wörtlichen wie übertragenen Sinne – ist aufwändiger.

„Unsere Patient:innen kommen hier in einen Raum, den sie nicht kennen. Und gerade für suchtkranke Menschen ist es nicht ganz so einfach, in etwas Unbekanntes zu gehen“, beschreibt die Gruppentherapeutin die derzeitige Situation. „Wir sind der Überzeugung, dass zufriedene Abstinenz nur in Beziehungen funktionieren kann. Und gerade das ist wirklich die große Schwierigkeit, weil die Corona-Maßnahmen quasi genau das Gegenteil wollen.“ Die Bedingungen können eine Realitätsprüfung darstellen, denn auch ohne Corona gibt es Zeiten der Isolierung, zum Beispiel im Krankheitsfall. Doch für die Meisten ist die Situation eine Herausforderung, die den Rehabilitationsverlauf erschwert.

Rückfälle in die Sucht gehören dazu

Klinikgesicht Christiane Mette

Der Weg aus der Sucht ist von Höhepunkten und Querschlägen gezeichnet. „Wir messen den Erfolg unserer Arbeit nicht daran, ob es jemand schafft, abstinent zu bleiben. Es ist einfach eine Tatsache dieser Krankheit, dass Rückfälle nach Ende der Behandlung für die allermeisten Patientinnen und Patienten dazugehören.“ Die Strategie, die Christiane Mette vertritt, lehrt den Gedanken, dass ein Rückfall nicht das Ende ist, „wenn sie da schnell wieder rauskommen.“ Besonders freue sie sich, wenn die Menschen das Bewusstsein entwickelten, zu sagen: „Ja, da bin ich eben mal gestolpert, aber dann bin ich wieder zu meiner Suchtberatungsstelle gegangen“. Dieser Gedanke sei es, der die Motivation der Sozialarbeiterin täglich aufrechterhält. Im weiteren Sinne steckt in ihm eine Allgemeingültigkeit – besonders in dieser bewegten Zeit. Man darf fallen, aber auch wieder aufstehen.