„Mehr aufeinander achtgeben“

„Mehr aufeinander achtgeben“

Das Leben geht manchmal verschlungene Pfade, bevor man dort landet, wo man sich angekommen und zu Hause fühlt – auch in beruflicher Hinsicht. So war es auch für Bernadette Kretschmer, die in der Helios Klinik Leisnig den Sozialdienst leitet und sich im Klinischen Ethik-Komitee engagiert.

Sie leiten den Sozialdienst in der Helios Klinik Leisnig. Vor welchen Herausforderungen stehen Sie, wenn Sie an die zurückliegenden Monate und auch die aktuelle Zeit denken?

Die Corona-Pandemie fordert uns allen enorm viel ab! Im Sozialdienst sehe ich ja sehr deutlich beide Seiten. Auf der einen Seite sehe ich die Kollegen, die sich auf den Stationen engagieren und sich dabei immer wieder schnell und flexibel in neuen Teams zusammenfinden müssen. Da fehlt es dann manchmal an Routinen und das Nervenkostüm wird dünner. Ich merke ihre emotionale Belastung; die eigenen Sorgen krank zu werden, aber auch wenn die Kollegen miterleben, wie vermehrt Patienten schwer erkranken und auch versterben. Auf der anderen Seite sehe ich die Patienten und deren Angehörige. Auch hier herrscht sehr viel Verunsicherung bis hin zur Angst – wie mit den Erkrankten umgehen? Wie sich selber schützen? Das birgt sehr viel Spannung und ich versuche das so gut es geht mit Gesprächen zu puffern oder auszugleichen.

Sie engagieren sich im Ethik-Komitee der Klinik. Was ist das für ein Gremium und wozu dient es?

Unser Klinikalltag und die zu treffenden Entscheidungen werden immer komplexer, daher hatte ich den Bedarf für ein klinisches Ethik-Komitee schon länger gesehen. Im Frühjahr 2020 haben wir das Gremium dann ins Leben gerufen. Im klinischen Ethik-Komitee finden Klinikmitarbeiter:innen verschiedener Berufsgruppen regelmäßig zusammen – also aus dem pflegerischen, ärztlichen, psychologischen Bereich aber auch aus der Verwaltung. Noch befinden wir uns im Aufbau. Wir werden als unabhängiges Gremium ethische Fragen der Behandlung, Pflege und Betreuung von Patienten in unserer Klinik diskutieren und versuchen, eigene ethische Leitlinien zu erstellen. Dabei möchten wir Unterstützung und Orientierung für das medizinische Personal geben und legen hier die Werte Verantwortung, Vertrauen, Recht auf Selbstbestimmung, Achtung, Respekt und Mitgefühl zu Grunde. Allerdings sprechen wir lediglich Empfehlungen aus. Im Übrigen hat jeder das Recht Anfragen und Anträge an das Ethik-Komitee zu stellen.

Woher stammt Ihr Interesse bzw. Ihr Bedürfnis, sich diesen Themen anzunehmen und voranzutreiben?

Mein berufliches Leben führte mich über verschiedene Umwege dorthin, wo ich heute stehe. Als viertes von fünf Geschwistern, aufgewachsen in einer katholischen Familie in der DDR, konnte ich nicht das studieren, was ich gerne gewollt hätte: Lehramt oder Musik zum Beispiel. So kam es, dass ich von 1984 bis 1987 eine Ausbildung im katholischen Elisabeth-Krankenhaus in Leipzig zur Krankenschwester absolvierte. Wirklich gearbeitet habe ich dann aber nicht in einer Klinik, sondern in einer damals zum Gesundheitswesen gehörenden Kinderkrippe.  

Auf Grund mehrerer persönlicher Schicksalsschläge und Lebenskrisen habe ich 1997 noch eine Ausbildung zur sozialpädagogischen Beraterin gemacht. Und das öffnete mir die Augen; da habe ich gemerkt, dass es die soziale Arbeit mit Menschen ist, die ich kann und die ich wirklich machen will.

Im Jahr 2000 fing ich hier in der Helios Klinik Leisnig an zu arbeiten und habe seitdem sukzessive und mit viel Herzblut den Sozialdienst am Haus aufgebaut. Berufsbegleitend konnte ich von 2011 bis 2015 sogar noch ein BA-Studium „Soziale Arbeit“ absolvieren.

All das zusammengenommen; das soziale Miteinander, das Gefühl für die Bedürfnisse meiner Kolleginnen und Kollegen und der Patienten quasi wie eine Anwältin einzustehen, prägen mein ganzes berufliches Selbstverständnis. Ich bin überzeugt, dass wir unser Zusammenleben und unsere Zusammenarbeit verbessern können, wenn wir mehr aufeinander achtgeben und freundlich miteinander umgehen.

für Bernadette Kretschmer leitet den Sozialdienst an der Helios Klinik Leisnig

Das ist ja auch viel emotionaler Druck, den Sie von verschiedenen Seiten erhalten. Wie gehen Sie selber damit um und wie finden Sie Ihren Ausgleich?

Ich habe einen festen christlichen Glauben, der mir viel Halt gibt. Außerdem mache ich leidenschaftlich gern Musik, singe viel und spiele Klavier. Als körperlichen Ausgleich spiele ich – so es geht – aktiv Tennis. Das powert aus und macht den Kopf frei. Außerdem bin ich ein Familienmensch und mein Mann ist ebenfalls Krankenpfleger. Da ist natürlich viel Verständnis für die Situation des anderen und wir können uns gut austauschen. Auch das gibt mir Kraft und Bestätigung.