Atem schenken: Wie Covid-Erkrankte zurück ins Leben gelangen

Atem schenken: Wie Covid-Erkrankte zurück ins Leben gelangen

Steffen Kolbe war 20 Jahre im Herzzentrum Leipzig tätig, bevor er im Juli 2020 ins benachbarte Helios Park-Klinikum kommt. Als ausgebildeter Atmungstherapeut spielt er bei der Betreuung der Covid-Patientinnen und Patienten, deren Lungenfunktion durch das Virus stark beansprucht ist, eine tragende Rolle. Die Fähigkeit, seinen Beruf mit Herzblut auszuüben, ohne dabei die professionelle Distanz zu verlieren, hilft ihm während der Arbeit in der Pandemie.

Steffen Kolbe, Klinikalltag

"Wir sind im Frühling ohne großes Wissen über Covid ins Rennen gegangen – wir wussten noch nicht, was genau es anrichtet“, erinnert sich Steffen Kolbe an den Anfang der Pandemie. „Für mich als Atmungstherapeut war es ein unheimliches Lerngebiet. Für so einen Wissenszuwachs braucht man auf normalen Stationen sehr viele Jahre. Hier mussten wir in kürzester Zeit lernen.“ Der gelernte Intensivpfleger ist bereits in der ersten Welle auf den Covid-Stationen im Einsatz. Von heute auf morgen werden viele Beatmungsgeräte und technische Systeme benötigt – doch der Markt ist aufgrund der hohen Nachfrage sehr begrenzt. In enger Zusammenarbeit mit Ärztinnen, Ärzten, den Pflegekräften und der Physiotherapie wird versucht die Spontanatmung der Covid-Erkrankten zu ermöglichen, solange es der Zustand zulässt. Dazu setzt das Team vor allem auf nicht invasive Beatmung: „Einfach um die Kraft der Patient:innen zu erhalten“, erklärt der Atmungstherapeut. Das bedeutet, dass die Intubation, also das Einführen eines Beatmungsschlauchs in die Luftröhre, hinausgezögert wird. Steffen Kolbe unterstützt sie in der Therapie, bewusst zu atmen. „Ich versuche sie zu animieren, ihre gesamte Lunge zu nutzen."

"Wenn es wirklich ernst wird, ist es egal, ob der im anderen Zimmer zwei Stunden später gewaschen wird.“

Steffen Kolbe, Atmungstherapeut, Park-Klinikum Leipzig

Auf das Wichtige fokussieren

Steffen Kolbe bringt über 20 Jahre Erfahrung mit. Nachdem er in der DDR beim Militär zum Sanitäter ausgebildet wurde, arbeitet er nach der Wende einige Zeit in einem anderen Beruf – im Bau. Als er sich auf seine ursprüngliche Branche zurückbesinnt und die Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger absolviert, folgen kurz darauf die Fachweiterbildungen der Anästhesie und Intensivmedizin und die zweijährige Ausbildung zum Atmungstherapeuten. Im Covid-Team ist Steffen Kolbe mit seinen Kompetenzen unersetzbar. Für den Intensivpfleger ist die Kommunikation und der gemeinsame Gesamtprozess mit den Patientinnen und Patienten das Wichtigste in seiner Tätigkeit – und die Nähe. „Man muss ja richtig ran. Ich bin nicht derjenige, der auf Station von Bett zu Bett geht, sondern der zwei Leute intensiv betreut, die dann auch mal auf der Kippe stehen.“ In Stresssituationen bewahrt er einen kühlen Kopf. „Man muss sich auf das Wichtige fokussieren und alles ausblenden, was in dem Moment nebensächlich ist. Wenn es wirklich ernst wird, ist es egal, ob der im anderen Zimmer zwei Stunden später gewaschen wird.“ Von seiner Fähigkeit der professionellen Distanz profitiert Steffen Kolbe besonders in Zeiten hoher Verluste. Um diese gut verarbeiten zu können, sei es wichtig, sich nicht zu sehr „an die Patient:innen ranzuhängen“ und sich im Team immer wieder auszutauschen: Was ist da gelaufen und warum? Wie stehen wir dazu? Die intensivmedizinische Behandlung von Covid-19 ist eine Arbeit in kleinen Schritten: „Für uns sind es Erfolge, wenn wir Patientinnen und Patienten soweit bringen, dass sie wieder auf die Normalstation können oder die Perspektive haben, nach Hause zu gehen“, reflektiert der Atmungstherapeut.

Eine Zeit, wo sich jeder zurücknehmen muss

In seinem Umfeld nimmt Steffen Kolbe immer wieder Unmut über die Beschränkungen wahr. Obwohl er selbst langsam genervt sei von der Situation, möchte er die Menschen ermuntern, durchzuhalten: „Ich führe den Leuten vor Augen, wie diese Krankheit ausgehen kann – das erklärt, warum man sich einfach mal eine Zeit persönlich zurücknehmen muss.“ Auf die Frage, worauf er sich in der Zukunft freue, kehrt Zufriedenheit in Steffen Kolbes Gesicht, er antwortet lächelnd: „Auf die Hochzeit meiner Tochter. Die mussten wir voriges Jahr ausfallen lassen. Und darauf, meine Mutter wieder normal besuchen zu können. Der habe ich im Prinzip Hausarrest erteilt.“