"Extremsituationen fördern die Solidarität"

"Extremsituationen fördern die Solidarität"

Leipzig

Hamsterkäufe, Angst vor eigener Infektion und davor, wie es in den nächsten Wochen weiter geht, sind Auswirkungen, des Corona-Virus. Die Krankheit verändert die Menschen und zwingt sie in die Isolation. Dazu kommt eine Informationsflut, die sich nur schwer filtern lässt. Was macht diese Krise mit uns und wie können wir der Entwicklung entgegenwirken? Fragen, die Professorin Dr. Katarina Stengler, Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Helios Park-Klinikum Leipzig, beantwortet.

Sehr geehrte Frau Prof. Stengler, die täglich steigende Zahl Infizierter, eine dramatische Entwicklung der Sterberate, der heftige Einbruch der Wirtschaft. Seit Tagen beherrscht kein anders Thema unsere Nachrichten mehr als Corona und seine Folgen. Wie viel davon hält der Mensch noch aus?

Menschen sind durchaus in der Lage, Extremsituationen auszuhalten. Auch über einen längeren Zeitraum. Trennungen, Kriegszeiten, selbst körperliche Gewalt. Die menschliche Psyche kann das schaffen. Und trotzdem stimmt es: Wir leben aktuell in einer verrückten Zeit. Es gibt ein breites Angebot an guten, wichtigen Informationen, denen eine Vielzahl an Unwissen gegenüber steht. Wodurch folgerichtig wieder neue Fragen entstehen, auf die die meisten eine klare, eindeutige Antwort wünschen.

Und wenn man die nicht bekommt, reagiert man überzogen?

Die gegenwärtige Krise ist eine Zeit der negativen Superlative. Wenn selbst die Bundeskanzlerin sagt, dass es eine solche Situation seit 1945 nicht mehr gegeben hat, dann verdeutlicht das die Dramatik. Der Einzelne ist damit mitunter überfordert. Das beginnt schon damit, die Ängste zu sortieren, sie zu kanalisieren.

Wen trifft das besonders hart?

In erster Linie diejenigen, die sich ohnehin abgehängt fühlen, die zur Gruppe der Ausgegrenzten  gehören. Alleingelassene Menschen etwa, Alleinerziehende, oder jene, die im sozialen System abgehängt sind oder die jetzt immer wieder genannten Risikogruppen, also Ältere und Menschen mit einer Vorerkrankung. Sie alle sind in diesen Tagen besonders auf den Erhalt sozialer Kontakte angewiesen.

Wie ist es bei Menschen, die bereits mit psychischen Problemen zu kämpfen haben?

Psychisch Kranke, sofern sie gut vernetzt sind, können solche Krisen durchaus gut bewältigen. Wenn sie aber, wie schon erwähnt, sozial isoliert sind und sich dann in ihrer Gedankenwelt mit all den Problemen verstricken, können sich deren ohnehin schon bestehenden Ängste natürlich potenzieren.

Immer wieder wird betont, dass man die Kontakte zu anderen gänzlich unterlassen soll. Wie sollten wir mit dieser Isolation umgehen?

Wenn wir das Corona-Virus in den Griff bekommen und besiegen wollen, haben wir keine andere Wahl. Aber unser Zeitalter bietet dennoch eine Vielzahl an Möglichkeiten, um in Verbindung zu bleiben. Das Telefonnetz funktioniert, die Post auch. Gruppen, die sich sonst regelmäßig getroffen haben, können das durchaus weiter tun – nur eben auf virtueller Ebene. Gemeinsames Yoga beim Skypen, Gesprächsrunden mit Freunden im Chat oder das zeitgleiche Ansehen desselben Films – Möglichkeiten, sich gegenseitig zu stützen gibt es viele.

Man gewinnt den Eindruck, dass Menschen in Krisenzeiten wieder näher zueinander finden?

Das stimmt. Extremsituationen fördern die Solidarität. Die vergangenen Jahre waren eine Zeit der Individualisierung. Jetzt aber spüren die Menschen wieder, was Nachbarschaftshilfe heißt. Sich um den Nächsten zu kümmern, seine Sorgen ernst zu nehmen, rückt vermehrt in das Bewusstsein zurück. Und wir erkennen, was unsere Gesellschaft ausmacht, was sie stärkt: Ein stabiles Gesundheitssystem, funktionierende Dienstleistungen, ein faires Miteinander.

Die gegenwärtige Krise ist eine Zeit der negativen Superlative.

Prof. Dr. Katarina Stengler
Katarina Stengler, Helios Park-Klinikum Leipzig
Prof. Dr. Katarina Stengler ist Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Helios Park-Klinikum Leipzig

Wie aber passt in dieses Bild das Hamstern, das unnötige Bevorraten im Übermaß?

Das sogenannte Hamstern ist einerseits ein Ausdruck normaler Handlungsweise, wenn man es als „normales Bevorraten“ versteht, gerade in Hinblick auf den regelmäßigen Verweis der besonderen Dramatik der Situation. Zum anderen aber ist es ein Zeichen fehlender Solidarität. Falschmeldungen beflügeln das noch. Sich auf jedes neue Gerücht zu verlassen, ist daher die falsche Botschaft.

Das Leben in Isolation, scheint viele schon nach wenigen Tagen zu überfordern. Andere wiederum wollen den Sinn dahinter nicht verstehen. Wie lässt sich eine Zeit auf engstem Raum ertragen?

Zuerst einmal: Menschen sind soziale Wesen, wir brauchen einander. Ohne das Leben in der Gruppe hätten wir die vergangenen 10.000 Jahre nicht gemeistert. Brechen die sozialen Kontakte oder körperliche Nähe weg, wird das für uns sehr schwierig. Wissenschaftlich ist längst belegt, dass Einsamkeit krank macht.

Und dennoch ist Rücksicht gerade jetzt wichtig. Sich und andere unnötig in Gefahr zu bringen, ist nicht akzeptabel. Zumal dieses gesellschaftsfeindliche Handeln auch Ressourcen entzieht, einschließlich dem Gesundheitssystem. Um eine zeitlich begrenzte Isolation gut zu überstehen, braucht es vor allem Regeln. Auch innerhalb der Gruppe. Tagesabläufe müssen aufrecht gehalten, Aufgaben verteilt werden. Das fördert das Miteinander und stärkt die Gemeinschaft.

Die vergangenen Jahre waren eine Zeit der Individualisierung. Jetzt aber spüren die Menschen wieder, was Nachbarschaftshilfe heißt.

Prof. Dr. Katarina Stengler

Was aber, wenn man trotzdem mal eine Auszeit braucht?

Dann helfen Rückzugsräume oder Wohlfühloasen, die man sich unbedingt schaffen sollte. Das kann schon ein Vollbad in angenehmer Atmosphäre sein. Und auch hier gilt, Rücksicht auf den anderen zu nehmen, diesem einmal Ruhe zu gönnen, damit er oder sie wieder Kraft tanken kann. Dann schafft man es auch, die Isolation zu meistern.

Hilft es, sich schon jetzt auf die Zeit nach der Krise vorzubereiten?

Natürlich, dass stärkt den Willen und lässt die aktuellen Probleme besser meistern. Sich langfristig auf etwas Schönes freuen, etwa auf den Urlaub, den man dann nachholen will oder das unbeschwerte Treffen mit Freunden, das wieder möglich ist, setzt Energien frei und schafft Zuversicht.

Frau Prof. Dr. Stengler, vielen Dank für das Gespräch!

Telefon-Hotline "Psyche in der Krise": 0341 864-2400

Wochentags von 08:00 bis 16:00 Uhr stehen Psychologen der Kinder-, Jugend- und Erwachsenenpsychiatrie Betroffenen unter der Telefonnummer 0341 864-2400 für ihre Fragen und Probleme bereit.