Depressionen bei Kindern und Jugendlichen
Symptome, Behandlung und Therapie

Depressionen bei Kindern und Jugendlichen

Berlin

Der Rückzug in das innere Ich geschieht völlig geräuschlos. Auch die folgende Wesensänderung der Kinder und Jugendlichen wird oftmals nicht wahrgenommen. Depressionen bei Heranwachsenden? Das kann es gar nicht geben, sagt die öffentliche Meinung.

Doch das Gegenteil ist der Fall, weiß Dr. Andries Korebrits, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Helios Park-Klinikum Leipzig. Schon seit geraumer Zeit zeigte Simon sich von einer ungewohnten Seite. Der Jugendliche wurde immer reizbarer, teilweise schon aggressiv. Völlig konträr zu dem Bild, das seine Eltern, Lehrer und Mitschüler bisher von ihm hatten. „Simon ist in der Pubertät, das legt sich wieder”, war man fest überzeugt. Den wirklichen Gründen seines Handelns und Verhaltens jedoch ging niemand nach.

Wochen später sitzt Simon im Sprechzimmer von Dr. Andries Korebrits, um professionelle Hilfe zu erhalten und über seine depressiven Gefühle zu sprechen. Dem Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Helios Park-Klinikum Leipzig berichtet Simon von Konflikten, die er seit Monaten mit sich und seinem Umfeld austrägt. Der neue Lebenspartner seiner Mutter hat ebenfalls zwei Kinder, in etwa dem gleichen Alter wie Simon. Echte Freunde waren die drei von Beginn an nie.

Symptome einer Depression

Junge sitzt auf Boden, neben ihm Rucksack, Arme sind verschränkt
Auch kleine Kinder können eine Depression bekommen. | Foto: Canva

„Eine Depression zu erkennen, fällt auch den Eltern der betreffenden Kinder und Jugendlichen schwer”, weiß Dr. Korebrits. Der Mediziner kennt viele Geschichten wie die von Simon. Die Gründe für derartige Verhaltensänderungen können vielschichtig sein, sagt er. Ein für das Kind ungewollter Umzug in eine andere Stadt, die Trennung der Eltern, Mobbing an der Schule oder der Verlust eines geliebten Menschen seien da zu nennen. Typische Symptome einer Depression sind etwa die erwähnte Wesensänderung, Appetitlosigkeit oder damit einhergehender Gewichtsverlust. Anzeichen, die selbst viele Kinderärzte nicht zwingend mit einer Depression bei Jugendlichen in Verbindung bringen.

Besonders betroffen von Depression seien Jugendliche ab 13 Jahren, erläutert Korebrits. Bei ihnen häufen sich die genannten Probleme. „Nicht wenige von ihnen tragen diese Last schon seit Jahren mit sich herum, entwickeln gar Schuldgefühle oder haben Suizidgedanken”, betont der Psychiater. Es ist Aufgabe der Fachmedizin herauszufinden, welche Ursachen hinter der Depression stecken. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen selbst sperrten sich dem nur selten in der Psychotherapie. „Sie wissen, dass mit ihnen etwas nicht stimmt und wollen diese innere Qual endlich loswerden”, berichtet er. 

Depression kann jeden treffen

Die Depression gehört zu den häufigsten und gleichzeitig am meisten unterschätzten Erkrankungen. Kinder und Erwachsene aller Schichten können daran erkranken. Das Tückische: eine Depression hat viele Gesichter. Meist bemerken Betroffene und Angehörige nicht, dass sich etwas verändert hat. Um von einer Depression bei Kindern zu sprechen, müssen über zwei Wochen folgende Krankheitszeichen vorliegen:

  • gedrückte Stimmung
  • Interessen- und Freudlosigkeit
  • Schuldgefühle
  • verminderter Antrieb
  • Schlafstörung
  • Appetitlosigkeit

Wenn Eltern bei ihrem Kind Wesensveränderungen oder Verhaltensauffälligkeiten wahrnehmen, sollten sie in einem ersten Schritt den Kinder- oder Hausarzt besuchen. Je nach Alter des Kindes gibt es Besonderheiten und Unterschiede in der Symptomatik von Depressionen. Die Diagnostik sollte daher immer von einem Arzt oder Psychotherapeuten erfolgen. Auch Eltern, Lehrkräfte, Erzieher und weitere Bezugspersonen werden für eine gesicherte Diagnose miteinbezogen. 

Die Erfahrung besagt, dass eine Depression bei Kindern und Jugendlichen nicht von allein verschwindet.

Dr. Adries Korebrits, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie | Helios Park-Klinikum Leipzig

Behandlung und Therapie der Depression

Mann links, Kind in der Mitte, Frau rechts auf einem Sofa. Kind ist traurig
Bei der Therapie wird auch das nähere Umfeld des Kindes miteinbegzogen. | Foto: Canva

Die Behandlung einer Depression kann ambulant und stationär erfolgen. Nicht selten werden die Patienten im Verlauf der Behandlung stationär aufgenommen. Besteht zum Beispiel der Verdacht, dass die Patienten sich selbst oder anderen Schaden zufügen können, bleibt dieser Schritt nicht aus. Den Einsatz von Medikamenten gehen die Leipziger Ärzte überaus sparsam an. „Umso mehr führen wir verhaltenstherapeutische Gespräche und leisten Aufklärungsarbeit mit den betroffenen Jugendlichen und deren engerem Umfeld, wozu insbesondere die Familie, also die Eltern und Geschwister zählen”, erläutert Korebrits.

"Die Erfahrung besagt", so Dr. Korebrits, "dass eine Depression bei Kindern und Jugendlichen nicht von allein verschwindet." Diese zu erkennen und richtig zu behandeln heißt aber auch, mögliche Sekundärerkrankungen ausfindig zu machen. Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Angststörungen sind mögliche Begleiter. „Diese Angst kann so stark ausgeprägt sein, dass sie das normale Maß übersteigt. Beispielsweise dann, wenn der Patient die Öffentlichkeit komplett meidet“, fügt Korebrits an.

Eine Heilung ist möglich

Kleines Mädchen blickt traurig in Kamera
Bei 2 Prozent der 10- bis 17-Jährigen wird eine Depression diagnostiziert. | Foto: Canva

Eine psychische Erkrankung ist nichts Ungewöhnliches. Sie ist einzig der Ausdruck einer seelischen Störung, die den Jugendlichen zu schaffen macht und in eine Sinnkrise stürzen kann. Ihr Krankheitsbild kann sich über viele Monate, sogar Jahre hinziehen. Eine restlose Heilung ist zwar möglich, ebenso besteht aber immer wieder die Gefahr des Rückfalls, verdeutlicht der Chefarzt. Und hebt zugleich hervor, dass diese Krankheit weit mehr Kinder und Jugendliche erfasst, als man gemeinhin glaubt. „Das Ergebnis einer aktuellen Studie, in Auftrag gegeben von einer Krankenkasse, belegt, dass jedes vierte Schulkind psychische Auffälligkeiten aufweist. Bei zwei Prozent der 10- bis 17-Jährigen wird eine Depression diagnostiziert, ebenso hoch ist die Zahl derer mit Angststörungen”, sagt der Fachmann.

Mobile App soll helfen

In der Gesellschaft herrscht dennoch das Stigma vor: „Das darf man nicht haben!” Ein vermeintliches Outing der betroffenen Jugendlichen wird so noch schwerer. „In unserer heilen ‚Instagram-Welt‘ ist kein Platz für Menschen mit Problemen”, kritisiert Andries Korebrits. Helfen, den ersten Schritt zur Heilung zu unternehmen, könnte eine App. Sie entwickelt die Kinder und Jugendpsychiatrie des Leipziger Helios Park-Klinikums derzeit in Zusammenarbeit mit einem Berliner Start-Up. Mit ihr will der Mediziner betroffene Kinder und Jugendliche erreichen und dazu motivieren, eine Psychotherapie zu machen. Für die Patienten vielleicht der Anfang, zurück in ein sorgenfreies Leben.

Deutsche Depressionsliga e. V.

Die Deutsche DepressionsLiga e. V.  ist eine bundesweite aktive Patientenvertretung für an Depression erkrankte Menschen. Ihre Mitglieder sind entweder selbst von der Krankheit betroffen oder ihre Angehörigen. Ihr Ziel ist, über Depression aufzuklären und diese zu entstigmatisieren. Zudem stellen sie Angebote der Hilfe und Selbsthilfe für Betroffene bereit und sind eine Vertretung der Interessen Depressiver gegenüber Politik, Gesundheitswesen und Öffentlichkeit.

Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Deutsches Bündnis gegen Depression e. V.

Im Jahr 2008 wurde die Stiftung Deutsche Depressionshilfe gegründet. Das Ziel des unabhängigen gemeinnützigen Vereins ist, einen wesentlichen Beitrag zur besseren Versorgung depressiv erkrankter Menschen zu leisten und die Zahl der Suizide in Deutschland zu reduzieren. Neben Forschung bietet die Stiftung Betroffenen und Angehörigen ein vielfältiges Informations- und Hilfsangebot, wie das Diskussionsforum Depression und das deutschlandweite Info-Telefon Depression.

Unter dem Dach der Stiftung steht der gemeinnützige Verein "Deutsches Bündnis gegen Depression e. V.". Dieser arbeite stetig daran, die Versorgung von depressiv Erkrankten zu verbessern. Ziel der Arbeit ist die Aufklärung über Depression, das Wissen über die Krankheit in der Bevölkerung zu erweitern sowie Suiziden vorzubeugen.