Angst ist ein schlechter Berater

Angst ist ein schlechter Berater

Leipzig

Die Kinder sicher durchs Leben zu führen, ist ganz sicher das Ziel der meisten Eltern. Nur ist das gar nicht so einfach. Früher nicht und heute auch nicht! Es gibt keinen Weg, der den Erfolg garantiert. Aber es gibt Tipps, die sich Mütter und Väter zu Herzen nehmen sollten…

Behütete Köpfe, so die Ansicht des deutschen Autors Raymund Walden, sind die anfälligsten. Diese Erkenntnis auf die Erziehung von Kindern zu übertragen, scheint auf den ersten Blick vielleicht abwegig. Wenn dann aber noch der Begriff „Helikoptereltern“ ins Spiel kommt, werden die Parallelen schnell klar. Kinder brauchen klare Regeln, sie benötigen aber auch Luft und persönliche Freiheiten, um sich entwickeln zu können. Denn: „Erst wenn man den Kopf hebt, weitet sich der behütete Blick über die Krempe hinaus“, ergänzt Raymund Walden. Zitate, denen sich der Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Helios Park-Klinikum Leipzig, Dr. Andries Korebrits, sofort anschließt. Den Tag der Kindersicherheit am 10. Juni betrachtet er deshalb einmal aus einer anderen Perspektive.

Kinder sicher durchs Leben zu führen, ist ganz sicher das Ziel der meisten Eltern. Ein Rezept, wie man diesem Anspruch gerecht wird, gibt es aber nicht. Manch einem reicht bereits das Tragen des Fahrradhelmes, um die Aufgabe an seinem Kind erfüllt zu sehen. Andere wiederum engen ihren Sprössling soweit ein, dass dieser kaum Platz zum Entfalten hat. Schnuppert er dann aber doch einmal an der Blume der Freiheit, kann das zum Teil böse Folgen haben. Was also ist der richtige Weg? Den zu benennen, ist schlicht nicht möglich. Aber gut gemeinte Ratschläge sollten sich Mütter wie Väter dennoch zu Herzen nehmen.

Im Schutz des Elternhauses

Etwa ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland lebt unterhalb der Armutsgrenze, und damit in prekären Lebensverhältnissen (Kinder gelten als armutsgefährdet, wenn sie in Haushalten leben, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte beträgt.). Wenngleich die Anzahl der Delikte von Gewalt und Missbrauch in Haushalten sozial schwacher Familien deutlich über dem Durchschnitt liegt, so sagt das aber nicht aus, dass Vorfälle dieser Art in sozial sicheren Familien auszuschließen sind. Gewalt gegen Schutzbefohlene gibt es in allen Gesellschaftsschichten.

Ein Zuviel des Guten und überzogenes Sicherheitsdenken schränken die Entwicklung eines Kindes jedoch gleichsam ein. „Die Gefahren, denen man sich heutzutage stellen muss, sind vielschichtig und groß. Arglisten des Internets, aber auch Drogen und Alkohol stehen dabei ganz oben an”, erläutert Dr. Korebrits. Diese Tücken des Lebens nagen gehörig am Sicherheitsgefühl vieler Eltern.

Daraus resultierend das Kind unter ständige Obhut zu stellen, erachte ich aber als Fehler. Denn so wird es der Nachwuchs nie lernen, auf eigenen Beinen zu stehen,

fügt der Kinder- und Jugendpsychiater an.

Das von den Eltern vermeintlich gut gedachte Schutzgitter hindert stattdessen die Ausprägung eines eigenen Willens und führt gelegentlich außerhalb des familiären Umfeldes zu Aggressivität. Diesen Kontrast im Verhalten wollen Eltern dann oft nicht wahrhaben oder können ihn sich nicht erklären.

Frühzeitig aufklären, miteinander reden

Stadtkinder, sagt Dr. Korebrits, sind zumeist größeren Gefahren ausgesetzt als Landkinder. Viele Dinge, die in der Stadt zum Alltagsbild gehören, sind ihnen fremd. Gleichwohl sollten beide Gruppen frühzeitig und offen über die negativen Erscheinungsbilder des Lebens aufgeklärt werden. „Je früher sie über Problemfelder unserer Gesellschaft wie Prostitution, Alkohol, Drogen und körperlichem oder sexuellem Missbrauch aufgeklärt werden, desto besser sind sie im Umgang mit diesen Gefahren gewappnet”, rät Dr. Korebrits. Diese Gespräche unnötig hinauszuzögern, ergänzt er, bedeutet vielleicht zu warten, bis es zu spät ist.

Angststörungen bei Kindern, so die Erkenntnis des Kinder- und Jugendpsychiaters, haben zumeist einen familiären Hintergrund. Die daraus resultierende Formel “Ängstliche Eltern gleich ängstliche Kinder” ist also durchaus berechtigt.

Pubertät ist entscheidend

Die in der Kindheit erfahrene Erziehung prägt einen Menschen mitunter sein Leben lang. Ein entscheidender Moment ist hierbei die Pubertät. „In ihr zeigt sich, wohin die Reise für den Jugendlichen geht”, bringt es Andries Korebrits auf den Punkt.

Wir leben in modernen Zeiten. Einem jedem von uns bietet das viele Vorzüge, damit verbunden sind aber auch etliche Herausforderungen. Die Kontrollmechanismen, die Eltern noch vor drei, vier Jahrzehnten bei der Erziehung ihrer Kinder ansetzten, gehören inzwischen der Vergangenheit an. Wer Kinder heute auf das Leben vorbereiten und ihnen einen guten Start in Erwachsenendasein geben will, muss bewährte, aber auch neue Aspekte beachten. Risiken permanent zu umschiffen, ist dabei allerdings der falsche Weg.

Richtig ist, den Kindern ein gutes Vorbild zu sein, ihnen die Angst vor ´der Welt da draußen` zu nehmen und es ihnen zu ermöglichen, eine eigene Identität herauszubilden. Selbst auf die Gefahr hin, dass das Ergebnis nicht immer dem modischen Geschmack der Älteren entspricht.

Dr. Andries Korebrits, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Helios Park-Klinikum Leipzig

Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem jedes Kind das heimische Nest verlässt und der Gesellschaft “ausgesetzt” ist. Wer bis dahin eine gute Elternschule durchlebte, muss sich nicht fürchten. Diese Kinder sind gerüstet für das, was auf sie zukommt. Mit Sicherheit.