Alkoholabhängig: Die Rückfallquote steigt
Corona-Schattenseiten

Alkoholabhängig: Die Rückfallquote steigt

Leipzig

Dr. David Dietz erklärt, warum viele Menschen in Corona-Zeiten wieder ihren Süchten verfallen sind.

Nur langsam befreit sich Deutschland aus den Fesseln des Lockdown. Mühsam finden die Menschen zur Normalität zurück, die aber noch längst keine ist. Vielerorts lassen Vereine oder Selbsthilfegruppen ihre Arbeit weiter ruhen, Betriebe leiden massiv unter den wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus und entlassen ihre Mitarbeiter in die Kurzarbeit. Schulen und Kindergärten gehen die Rückkehr stufenweise an.

Für Menschen, die zuvor mit viel Mühe und Kraft eine Sucht überwunden haben, sind diese Bedingungen alles andere als optimal. „Ihnen fehlen die gewohnten Strukturen, die halfen, trocken zu bleiben“, betont Dr. David Dietz, Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik mit Schwerpunktstationen für Suchtmedizin am Helios Park-Klinikum Leipzig. Der Druck und die Enge des familiären Umfeldes, Unsicherheiten über die Zukunft und die Angst vor dem morgen lassen Hemmungen schnell fallen, Grenzen überwinden und beflügeln den erneuten Weg in die Abhängigkeit.

Acht Millionen Abhängige

Deutschlandweit, sagt Dietz, gebe es etwa 1,5 Millionen Alkoholabhängige. Legt man den Maßstab von Experten, dass 20 bis 40 Gramm Alkoholaufnahme pro Tag schon Suchtcharakter offenbaren, zugrunde, liegt die Zahl der Abhängigen sogar bei acht Millionen. Weitere 1,5 Millionen Deutsche weisen Merkmale von Alkoholmissbrauch auf. Jedes Jahr, fährt Dr. Dietz fort, sterben in Deutschland 70.000 Menschen an den Folgen ihres übermäßigen Alkoholkonsums. Demgegenüber liegt der Zahl der Toten durch illegale Drogen bei 1.400.

Corona hat dem Thema Sucht einen völlig neuen Schub gegeben.

Dr. David Dietz, Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik

Der Alkoholkonsum steigt weltweit

„Corona“, erläutert Dietz, „hat dem Thema Sucht einen völlig neuen Schub gegeben.“ Weltweit sind diese Auswirkungen zu beobachten. In Indien gab es wahre Anstürme auf Alkoholgeschäfte, Australier stellen einen starken Anstieg des Bierkonsums fest, Franzosen trinken aktuell deutlich mehr Wein als sonst üblich. „Beruhigungsmittel, gleich welcher Art, nehmen dem, der sie zu sich nimmt, die Angst”, erläutert der Mediziner. Suchtmittel füllen zudem die Lücke, die sich durch das Wegbrechen Tagesstruktur aufgetan hat, ergänzt er. Sie stimulieren die Belohnungssysteme im Gehirn und vermitteln dem Betroffenen damit ein angenehmes und positives, letztendlich aber falsches Gefühl von Glück.

Bin ich süchtig? Vier Fragen geben Antwort

Doch ab wann ist man eigentlich alkoholabhängig? Diese Frage beantworten regelmäßig Trinkende gern oberflächlich. Dabei gibt es vier Kriterien, die schnell und eindeutig Antwort geben.

  1. Brauche ich morgens schon Alkohol?
  2. Fühle ich mich schuldig, wenn ich trinke?
  3. Reagiere ich bei Hinweisen auf zu viel Alkoholkonsum gereizt?
  4. Habe ich selbst einmal versucht, die Menge zu reduzieren?

„Anhand dieser Prüfsteine lässt sich gut erkennen, wie es um mich steht“, betont Dr. Dietz und rät jedem, der unsicher ist und seine Trinkverhalten ändern möchte, sich dem Hausarzt oder einem Suchttherapeuten vorzustellen. Bei fortgeschrittenem Trinkverhalten rät der Suchtexperte dringend von unkontrollierten Entzugsmaßnahmen ab. Hier sollte immer ein Arzt oder Therapeut begleitend dabei sein.

Einzelne glauben, dass sie nach jahrelanger Abstinenz wieder kontrolliert trinken können. Doch das funktioniert nicht.

Dr. David Dietz, Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik

Lebenslange Rückfallgefahr

Dass übermäßiger Alkoholkonsum nur eine Sache der Erwachsenen ist, gilt längst widerlegt. Immer öfter glauben auch Jugendliche, dass starkes Trinken Charakter bezeugt und die Folgen beherrschbar sind. Infolge dessen finden sogar 18-Jährige in die Sprechstunde von Dr. Dietz, um von der Droge wieder loszukommen.

Fatal für jeden „Trockenen“ ist, dass die Gefahr eines Rückfalls immer besteht. Ein Leben lang. „Einzelne glauben, dass sie nach jahrelanger Abstinenz wieder kontrolliert trinken können. Doch das funktioniert nicht“, mahnt Dietz. Vielmehr tritt das Gegenteil ein. Ein Rückfall in die Sucht fällt zumeist stärker aus, verursacht einen tieferen Fall als beim ersten Mal.

Auch wenn der Alltag eines Tages wieder Einzug hält in Deutschland, die wirtschaftlichen Spätfolgen der Pandemie stehen erst noch aus. Und damit auch ein vermehrter Zulauf in die Sucht, prognostiziert David Dietz.