„Ältere Menschen können sich vor Corona schützen“
Expertengespräch

„Ältere Menschen können sich vor Corona schützen“

Leipzig

Täglich vermelden die News-Ticker neue Daten zur Anzahl von am Corona-Virus infizierter Personen. Sie nehmen erschreckend zu, wie auch die Zahl derer, die der Krankheit nichts mehr entgegensetzen konnten. Besonders hart trifft das Virus ältere Menschen, die damit zur sogenannten Risikogruppe gehören. Doch warum ist das so und wie können sie sich schützen? Das haben wir Altersmediziner Prof. Dr. Christoph Thümmler vom Helios Park-Klinikum Leipzig gefragt.

Alles verändert sich im Laufe eines Lebens, auch das Immunsystem des Menschen wird schwächer. „Ein alterndes Immunsystem ist deshalb mit einem Virus wie dem Corona schnell überfordert”, erläutert Prof. Dr. Christoph Thümmler, Chefarzt der Klinik für Geriatrie am Helios Park-Klinikum Leipzig. Um das näher zu veranschaulichen, vergleicht er das Immunsystem älterer Menschen mit einem Telefonbuch, dem bereits einige Seiten fehlen. Die Möglichkeiten, mit passenden Informationen zu helfen, schwinden. Im Fall des Menschen ist es die immer kleiner werdende Anzahl an Stammzellen, die keine wirksame „Immunantwort“ mehr zulässt.

Junge Menschen, sofern sie keine Vorerkrankungen aufweisen, können aufgrund eines starken Immunsystems besser mit dieser Krankheit umgehen. Für die Älteren aber gilt: Abstand und Distanz sind der beste Schutz.

Prof. Dr. Christoph Thümmler, Chefarzt der Klinik für Geriatrie am Helios Park-Klinikum Leipzig

Abstand ist der beste Schutz

Der Gedanke, dass wegen der Kindergarten- und Schulschließungen nun die Großeltern die Betreuung der Enkel übernehmen, ist laut Prof. Thümmler deshalb ein zweischneidiges Schwert. Einerseits leiden besonders die Älteren unter dem Einfrieren sozialer Kontakte, zum anderen setzt man sie bei Besuchen einer erhöhten Gefahr aus. „Junge Menschen, sofern sie keine Vorerkrankungen aufweisen, können aufgrund eines starken Immunsystems besser mit dieser Krankheit umgehen. Für die Älteren aber gilt: Abstand und Distanz sind der beste Schutz“, betont der Altersmediziner. Nach seiner Beobachtung und entgegen aller Vermutungen, hätten ältere Menschen für die strengen Auflagen in dieser Ausnahmesituation aber mehr Verständnis als die Jungen. Vielleicht deshalb, da viele von ihnen schon als Kind zum Ende des Zweiten Weltkrieges Extremes erleben mussten und das noch gut in Erinnerung haben.

Risikogruppe Corona-Virus

Gute Ernährung stärkt Immunabwehr

Ihrem Schicksal allein überlassen sollte diese Generation deswegen aber nicht. Im Gegenteil. Gerade weil sie körperlich geschwächt sind, benötigen sie Hilfe. Diese ist auch möglich, ohne dass es dabei zu engen Kontakten kommt. Ihr spezielles Augenmerk sollten Verwandte und Freunde, aber auch die Älteren selbst vor allem auf die Ernährung legen.

Aktuelle Studien belegen, dass viele Alte eine bereits gefährliche Mangelernährung aufweisen. „Für sie gilt deshalb in besonderem Maße, dass Gemüse und Obst auf den Speiseplan gehören. Sauerkraut und Joghurt weisen zudem Milchsäurebakterien auf, die das Gewebe stabilisieren und das Eindringen von Viren erschweren. Nützlich sind darüber hinaus Ingwer und Meerrettich”, betont Thümmler und fügt an, dass glutenreiche Speisen, also Produkte aus Weizen, Dinkel, Roggen, Gerste, Grünkern und Hafer weitestgehend gemieden werden sollten. Frische Luft, eine gelebte Körperhygiene und 30 Milliliter Flüssigkeit pro Kilogramm Körpergewicht am Tag stärken das Immunsystems zusätzlich.

 

Mehr Einweisungen älterer Patienten

Angesichts der immer älter werdenden Gesellschaft, allein in Leipzig leben etwa 130.000 Menschen die älter als 65 Jahre sind, ist ein rasanter Anstieg von Corona-Infizierten gefährlich. Zumal die Krankheitswelle parallel zu den ohnehin schon bestehenden gesundheitlichen Beschwerden Älterer verläuft. „Meine Sorge ist deshalb, dass bei einem weiteren Anstieg der Infektionszahlen in Deutschland, alte Menschen mit Herzproblemen, Nierenleiden oder anderen Erkrankungen hintenanstehen müssen, da die Kapazitäten der Krankenhäuser vollkommen ausgelastet sind“, betont Prof. Dr. Thümmler und ergänzt, dass er für die Älteren eine starke Welle an stationären Einweisungen erwartet.

Mehr Kapazitäten in der Intensivmedizin nötig

Um gut gewappnet zu sein, erhöhen das Herzzentrum und das Helios Park-Klinikum Leipzig die Kapazitäten im intensivmedizinischen Bereich. Für die Geriatrie heißt das, dass der Bereich der Akutgeriatrie aktuell verkleinert, geriatrische Tagesklinik und das Alterstraumazentrum vorübergehend geschlossen wurden. Für akut kranke, ältere Patienten indes bleibt die Altersmedizin am Helios Park-Klinikum Leipzig weiterhin die erste Adresse in der Region, um die aktuelle Infektionswelle gesund zu überstehen.