Man kann nichts falsch machen, solange man überhaupt etwas unternimmt

Man kann nichts falsch machen, solange man überhaupt etwas unternimmt

Leipzig

Als die siebenjährige Alina (Name geändert) im Mai dieses Jahres während des Unterrichts plötzlich und unvermittelt in Ohnmacht fiel, war zügiges Handeln gefragt. Zum Glück konnten Lehrer und der Notarzt Schlimmeres verhindern. Und dennoch ist man seither am Ort des Geschehens, der Kurt-Masur-Grundschule, hoch sensibilisiert. Ein Angebot des Kindsvaters, Dr. Christoph Krause, Anästhesist und Notfallmediziner, gemeinsam mit MUDr. Roman Gebauer, Kinderrhythmologe am Herzzentrum Leipzig, interessierte Lehrer, Erzieher und Servicekräfte der Schule in die Kinderreanimation einzuweisen, wurde daher dankbar angenommen.

Man kann nichts falsch machen, solange man überhaupt etwas unternimmt. Dieser Satz fällt immer dann, wenn es gilt, im Notfall Erste Hilfe zu leisten. Doch die Realität ist eine andere. Mehr als die Hälfte der Deutschen ist sich unsicher, ob sie in einer Notfallsituation helfen könnten. Knapp 20 Prozent glauben sogar, dazu gar nicht im Stande zu sein. Bundesweit sind Lehrer und Erzieher alle zwei Jahre verpflichtet, einen Auffrischungskurs in Erster Hilfe zu absolvieren. Doch mitunter geht das im Ernstfall Geforderte über die allgemeine Hilfeleistung hinaus. Etwa dann, wenn sich der Einsatz eines Automatischen Externen Defibrillators (AED) erforderlich macht.

AEDs retten Leben

Dass diese Geräte durchaus leicht zu bedienen und lebensrettend sind, ist mittlerweile bekannt. Und dennoch findet man sie in öffentlichen Gebäuden noch viel zu selten. Auch in Alinas Fall wäre der Einsatz eines AED hilfreich gewesen. „Nach gründlicher Untersuchung im Herzzentrum Leipzig hat sich gezeigt, dass Alina für uns bis dahin unbekannt am Long QT Syndrom leidet. Dabei handelt es sich um eine seltene Herzrhythmusstörung, die durchaus zum plötzlichen Herztod führen kann“, verdeutlicht der Vater des Mädchens. Diese plötzlich einsetzende Herzrhythmusstörung kann wie bei Alinas Ohnmacht von allein wieder aufhören, oder im schlimmeren Fall ein Herzkammerflimmern auslösen. Genau dann ist ein AED lebensrettend.

Erste-Hilfe-Kurse geben Sicherheit

Erste-Hilfe-Kurs an der Grundschule
An der Grundschule ist man froh über die Erste-Hilfe-Schulung. Ronny Nordmann, Dr. Christoph Krause, Schulleiterin Heike Hentschel und deren Stellvertreterin Christiane Dubid (v. l.) Foto: Sven Gückel

Dr. Krause, MuDr. Gebauer sowie ärztliche Kollegen und Kolleginnen des Herzzentrums Leipzig, der Universitätsklinik Leipzig und des DRK hatten es sich daher zur Aufgabe gemacht, Lehrer und Erzieher der Kurt-Masur-Grundschule in die Handhabung eines AED einzuweisen. „Dieses Briefing soll uns zusätzliche Sicherheit geben, die es braucht, um in einer Notsituation richtig zu agieren”, verdeutlichte Schulleiterin Heike Hentschel. Nach dem Zwischenfall habe der Schulträger, die Stadt Leipzig, auf das Ansinnen der Schule reagiert und eines der 2.200 Euro teuren Geräte beschafft. Einen zweiten Defibrillator konnte die Schule dank einer Spende und Alinas Eltern organisieren. „Die Aktion war durch Dr. Krause und die Schule ausgezeichnet vorbereitet. Ich selbst habe mit einer motivierten Gruppe gearbeitet, die sich abschließend sehr dankbar äußerte“, sagte Marco Böhmert, stellvertretender Leiter des Bildungszentrums Helios am Standort Leipzig und gleichzeitig Reanimationsverantwortlicher am Herzzentrum Leipzig.

Unfall zeigte Nachholbedarf

Das Interesse, an der Handhabung dieser Geräte geschult zu werden, war enorm. „Ich bin überwältigt“, freute sich Dr. Krause, der den Anwesenden eingangs des Kurses allgemeine Informationen zur Kindsreanimation gab, bevor diese in Gruppen aufgeteilt und unter fachkundiger Anleitung praktische Übungen vornahmen. Angesichts der Tatsache, dass an der Kurt-Masur-Grundschule 800 Kinder, Lehrer und Erzieher unterrichtet werden und lehren, zeigt sich die Notwendigkeit im Umgang mit einem AED. „Einen kleinen Kreis hatten wir unmittelbar nach Alinas Unfall geschult. Doch der Bedarf, aber auch das Interesse der Kollegen war weitaus größer”, ist Heike Hentschel vom Zuspruch noch immer begeistert. Alinas Fall habe einmal mehr verdeutlicht, fügte sie an, dass im Ernstfall jede Minute zählt. Ein Fakt, den Dr. Krause mit dem Hinweis untermauerte, dass schon nach einem Herzstillstand von drei Minuten im Hirn irreparable Schäden entstehen können.

Mehr Schulungen gewünscht

Angesichts dieser Erkenntnisse, ergänzte Marco Böhmert, sollte es mehr Aktionen dieser Art geben, im besten Fall durch eine zentrale Stelle organisiert. „Ich persönlich würde mir hier eine stete Beschulung der Bevölkerung wünschen. Im Prinzip sind Inhalte der Ersten Hilfe und Wiederbelebung für alle im Netz verfügbar, etwa unter www.grc-org.de. Dennoch ist ein praktisches Training unverzichtbar und wertvoller“, betonte er.

Alina geht es heute wieder gut. Dass sich ähnliche Vorfälle bei ihr, anderen Kindern oder Erziehern der Schule wiederholen, ist nie ausgeschlossen. Doch heute ist man auf solche Situationen gut vorbereitet. Momente dieser Art sind keineswegs Einzelfälle. Das bewies einem größeren Publikum unlängst der Zusammenbruch des dänischen Fußballnationalspielers Christian Eriksen während der Fußball EM. Unverzüglich eingeleitete Maßnahmen retteten ihm das Leben und zeigen, wie wichtig Erste Hilfe ist.