„Krieg kann und darf nie eine Option sein“
Russisch-ukrainische Perspektive

„Krieg kann und darf nie eine Option sein“

Leipzig

Die gegenwärtige Situation in Europa ist ernüchternd. Der Russland-Ukraine-Konflikt schürt Angst, belebt altes, längst überwunden geglaubtes Denken. Der Krieg hinterlässt Fragen und tiefe Ratlosigkeit. Ganz besonders bei jenen Menschen, die im Kriegsgebiet aufgewachsen sind oder dort Freunde und Verwandte haben. Einer von ihnen ist Andrei Zhuzhgov (rechts im Bild). Der 31-jährige gebürtige Russe stammt aus Kasan an der Wolga und arbeitet heute im Herzzentrum Leipzig.

Gemeinsam mit seiner Freundin, der Kardiologin Dr. Olga Korobtsova, fühlt sich Andrei wohl in Leipzig. Seit zwei Jahren sind die beiden ein Paar. Dass er Russe und sie Ukrainerin ist, war in ihrer Beziehung nie ein Thema. Und ist es auch jetzt nicht. Umso weniger verstehen sie die Bilder des aktuellen Geschehens. Vor wenigen Tagen, Ende Februar, war Andreis Freundin selbst noch in der Ukraine, hat ihrer Heimatstadt Odessa und der dort lebenden Mutter sowie ihrem Bruder einen Besuch abgestattet.

„Wir Ukrainer suchen und lieben die Freiheit und wollen keineswegs unter russischer Regie leben”, sagt sie. Fassungslos war die Kardiologin deshalb, als zwei Tage vor ihrer Abreise, am 24. Februar, die Millionen-Stadt um fünf Uhr morgens durch Boden-Luft-Raketen geweckt wurde. Dass die russische Regierung ihre Drohungen ernst macht, wollte bis dato niemand glauben. „Von diesem Augenblick aber wussten wir alle, dass der Krieg kommt”, erinnert sie sich an ihre damaligen Gedanken. Das Gedränge und die Panik, welche sie zwei Tage später bei ihrer Ausreise an der polnischen Grenze erlebte, verstärkten die schon bestehenden Ängste um ein Vielfaches. Gleichwohl, betont die junge Frau, deren Mutter und Bruder selbst Mediziner sind, dass die Hilfsbereitschaft der Polen und Deutschen auf sie und tausende ihrer Landsleute einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Mangel und Meinungsmache

Nahezu täglich suchen beide den Kontakt zu ihren Verwandten. Via Telefon, WhatsApp oder Skype erfahren sie dabei, in welch unterschiedlichen Welten die Eltern und Geschwister doch leben. Während Andreis Mutter in der russischen Propaganda gefangen ist und kaum andere Meinungen als die des Staatsfernsehens hört und sieht, erlebt Olgas Familie den Krieg hautnah. „Gerade nach dem Beschluss der neuen Gesetze, laut denen nicht einmal das Wort Krieg genannt werden darf ohne dafür bestraft oder inhaftiert zu werden, haben die Russen Angst, ihre Meinung offen zu sagen”, erläutert Andrei, der als studierter Lehrer und anerkannte examinierte Pflegefachkraft seit 2015 in Deutschland lebt und dessen zwei Onkel sowie Cousins und Cousinen in der Ukraine beheimatet sind. Seine Mutter sei schlecht informiert, so sein Fazit aus den mit ihr geführten Gesprächen. Angesichts des Verbots unabhängiger Medien in Russland sei das wohl aber nicht anders zu erwarten.

„Die Russen haben Angst, ihre Meinung offen zu sagen“, blickt Andrei Zhuzhgov auf sein Heimatland Russland.

Dass Embargos und damit erhoffte wirtschaftliche Zwänge die Bevölkerung zum Widerstand gegen die eigene Regierung führen, glaubt er nicht. „Natürlich mache ich mir Sorgen, wie ihre Versorgungslage sich entwickelt. Aber die Russen haben es in den letzten Jahrzehnten gelernt, mit Mangel zu leben. Deshalb wird die jetzige Situation an ihrem Denken und Handeln so schnell nichts ändern”, glaubt er.

Liebe statt Krieg

Innerlich, sagt Olga Korobtsova, habe sie ein schlechtes Gewissen, jetzt nicht bei ihrer Familie zu sein. Umso mehr engagieren sich beide auf Social Media, indem sie Bilder und Videos vom Krieg in der Ukraine und vom Auftreten des „russischen Aggressors“, so Olga, weiterverbreiten. Zudem sammeln und spenden sie Geld und wollen absehbar auch Freunde bei sich in ihrer Leipziger Wohnung aufnehmen. „Die Ukrainer werden ihr Land weiterhin verteidigen, auch wenn diese Belastung schrittweise an die Grenze des Machbaren führt. Wir brauchen ausländische Hilfe. Andernfalls ist eine militärische und humanitäre Katastrophe nur schwer abzuwenden”, mahnt sie.

„Viele Russen glauben, dass ihr Land wieder zu alter Stärke geführt werden muss, um das Leben der Menschen verbessern zu können. Diese Ansicht teile ich nicht. Krieg kann und darf nie eine Option sein”, betont Andrei. Denn dass die Menschen beider Nationen friedlich miteinander auskommen und leben können, dafür ist die Liebe zwischen ihm und Olga, und die tausender anderer Paare aus beiden Ländern ein gutes Beispiel.

Zeichen für Frieden und Menschlichkeit

Mitarbeitende setzen ein Zeichen: Oleg Slobodian, ukrainische Pflegekraft aus dem Helios Park-Klinikum Leipzig, (links) und Andrei Zhuzhgov, russischer Fachpfleger aus dem Herzzentrum. Foto: Thomas Meinicke