„Guten Tag ich bin Frau Erbs, ich bin hier Oberärztin“

„Guten Tag ich bin Frau Erbs, ich bin hier Oberärztin“

Leipzig

Man könnte Sandra Erbs als Urgestein des Herzzentrums bezeichnen. Von der Dissertation über das praktische Jahr bis hin zur Facharztausbildung – ihr medizinischer Werdegang wuchs in unserem Haus. Heute ist sie Oberärztin des Herzkatheterlabors. Zum Glück, denn um ein Haar wäre sie Augenoptikerin geworden.

„Ich hatte schon in der Schulzeit Praktika im Krankenhaus gemacht und wenn da die Ärzte und Ärztinnen vorbeigegangen sind und ihre Besprechungen hatten, fand ich das einfach toll“, erzählt Prof. Dr. Sandra Erbs heute über ihre frühe Begeisterung für die Medizin. Doch zu Zeiten des Arbeitsplatzmangels bleibt die Begeisterung über den Studienwunsch ihrer Tochter bei Familie Erbs aus: „Wir können dich da nicht unterstützen. Mach doch lieber was Ordentliches.“ Den Eltern zuliebe bewirbt sich die heutige Oberärztin der Universitätsklinik für Kardiologie – Helios Stiftungsprofessur tatsächlich zunächst auf Lehrstellen – als Augenoptikerin. „Bei Fielmann in Leipzig. Da hatten sich 200 Leute auf acht Stellen beworben. Und da bin ich tatsächlich genommen worden. Meine Eltern waren total stolz, aber ich war unglücklich, weil ich das ja eigentlich gar nicht wollte. Ich wollte Medizin studieren.“ Schon bald bemerkt ihre Mutter, dass die Freude über den Ausbildungsplatz ausbleibt. Als Sandra Erbs sich ihrer Mutter anvertraut, fasst diese sich ein Herz: „Na los, dann mach‘s. Ich wollte schon immer eine Ärztin in der Familie haben.“ 1993 beginnt sie das Medizinstudium. Eine Entscheidung, die Sandra Erbs nie bereut habe.

Na los, dann mach‘s. Ich wollte schon immer eine Ärztin in der Familie haben.

Prof. Dr. Sandra Erbs, Oberärztin Universitätsklinik für Kardiologie – Helios Stiftungsprofessur

Kommt heute gar kein Arzt?

Nach dem Abschluss führt Sandra Erbs‘ Weg direkt ins Herzzentrum Leipzig – erst als Ärztin im Praktikum, dann zur Facharztausbildung. Sie resümiert, der damalige Kardiologie-Direktor Prof. Dr. Gerhard Schuler hätte die angehenden Ärztinnen und Ärzte gefördert – egal, ob weiblich oder männlich. Eine Offenheit, die vor 20 Jahren längst nicht selbstverständlich gewesen sei. „Gerade als ich noch in der Ausbildung war, hatte ich Connections zu Frauen, die es nicht so leicht hatten wie ich hier“, erinnert sich Prof. Erbs. „Bei uns ist es egal, ob Frau oder Mann – wenn ich etwas leiste und was kann, komme ich weiter. Auch Prof. Dr. Holger Thiele, der heutige Direktor der Kardiologie, trägt diesen Geist in sich.“ Als Lehrende und Koordinatorin des Praktischen Jahres der Medizinstudierenden weiß Sandra Erbs, dass in den Vorlesungssälen inzwischen der Frauenanteil überwiegt. Den einen oder anderen überrascht eine Frau im weißen Kittel dennoch: „Wenn ich mich nur mit meinem Namen vorstelle ‚Guten Tag, ich bin Frau Erbs.‘, dann kommt auch schonmal: ‚Ach, kommt heute gar kein Arzt?‘ Darum sage ich inzwischen meistens: ‚Guten Tag ich bin Frau Erbs, ich bin hier Oberärztin.‘“ Doch sie fährt fort, die anfängliche Skepsis würde sich oft in Begeisterung auflösen. Besonders das geduldige Erklären und Einfühlungsvermögen der Oberärztin finde oftmals Erwähnung. „Kann sein, dass man als Frau anders auf Menschen zugeht“, denkt Erbs laut.

Ach, kommt heute gar kein Arzt?‘ Darum sage ich inzwischen meistens: ‚Guten Tag ich bin Frau Erbs, ich bin hier Oberärztin.

Prof. Dr. Sandra Erbs

Karriere vor der Familienplanung ins Rollen bringen

Mit Blick auf die gegenwärtigen Bedingungen junger Ärztinnen und Ärzte schaut Sandra Erbs positiv in die Zukunft: „Ich denke, dass die Chancengleichheit gut umgesetzt ist. Und die heranwachsende Generation hat auch die Work-Life-Balance ganz gut verinnerlicht. Das hat bei uns früher ja überhaupt niemanden interessiert. Ich denke, dass es momentan eine ganz gute Situation ist für die jungen Leute.“ Geregelte Schichten, die Möglichkeit auf Teilzeitanstellungen und die freie Wahl des Berufsortes sprechen für diese Einschätzung. Trotzdem empfiehlt sie jungen Kolleginnen und Kollegen mit beruflichen Ambitionen, die Karriere so weit wie möglich voranzubringen, bevor die Familienplanung beginne. „Obwohl es mit Teilzeit und Ähnlichem geht: Wenn man erstmal eine Familie hat, schafft man nicht mehr so viel wie vorher.“

Die Mutter eines 10-jahrigen Sohnes findet auch nach fast 30 Jahren in der Branche jeden Tag abwechslungsreich und erfüllend. „Wenn ich jemanden auf dem Kathetertisch habe, weiß ich nie, was kommt. Da ist keiner gleich. Und man ist in direktem Feedback – der Patient oder die Patientin hat ja keine Narkose. Ich finde es schön, dass man direkt etwas zurückgemeldet bekommt,“ berichtet sie. Was der heute 46-Jährigen in all den Jahren außerdem zu Durchhaltevermögen und Leidenschaft verholfen habe, sei der Teamzusammenhalt. „Das Herzzentrum ist teilweise ein sehr stressiger Ort, wo man auch mal die eine oder andere Überstunde macht. Aber das war irgendwie immer egal, weil das Team gepasst hat. Es war von Anfang an ein gutes, freundschaftliches Miteinander.“ Das Kompliment einer Vertreterin klinge ihr besonders in den Ohren: „‚Im Herzzentrum Leipzig arbeiten die Punks unter den Kardiologen: Jung, spritzig und unkompliziert.‘ Das fand ich schön“.

‚Im Herzzentrum Leipzig arbeiten die Punks unter den Kardiologen: Jung, spritzig und unkompliziert.‘ Das fand ich schön.

Prof. Dr. Sandra Erbs

Forschung und Lehre in der Kardiologie

In der Klinik für Kardiologie – Helios Stiftungsprofessur des Herzzentrums Leipzig führen wir  patientennahe klinische Forschung und Grundlagenforschung in unserem Molekularbiologischen Labor durch.