Chest Pain Unit: Das Uhrwerk für Herz-Notfälle

Chest Pain Unit: Das Uhrwerk für Herz-Notfälle

Leipzig

Die Chest Pain Unit, oder auch umgangssprachlich Brustschmerzambulanz, ist rund um die Uhr für Herz-Notfälle da. Und in Corona-Zeiten ist sie wichtiger denn je, wie Dr. Tobias Kister vom Herzzentrum Leipzig erklärt. Wir haben ihn begleitet.

Wenn das Herz aus dem Takt läuft, die Brust schmerzt, wenn die Luft knapp wird, ist höchste Eile geboten. Dann entscheiden Minuten darüber, Gefahr für das Leben eines Menschen abzuwenden. In Spitzenzeiten kommen bis zu 50 Patienten zur Chest Pain Unit (CPU), der Brustschmerzeinheit des Herzzentrums Leipzig. Wochentags, sonntags, an Feiertagen, rund um die Uhr. Corona verschärft diese Situation zusätzlich.

Der Wecker verrichtete wie jeden Morgen zuverlässig und pünktlich seinen Dienst. Und dennoch begann dieser Mittwochmorgen für Andrea Stamm (Name geändert) anders als gewohnt. Die 39-Jährige Leipzigerin verspürte einen ungewohnten Druck auf der Brust. Der Schmerz hinderte sie am freien Atmen. Panik stieg in ihr auf. Die Furcht vor einem möglichen Herzinfarkt ließ sie dennoch klar denken. Schon kurze Zeit später wurde Stamm im Herzzentrum Leipzig vorstellig.

Die Sicherheit aller Mitarbeiter des Hauses und anderer Patienten verlangt von uns, jeden Neuzugang einem Sreening zu unterziehen. Temperaturmessung, Kontaktbefragung, gegebenenfalls ein Antigenschnelltest. Erst wenn hier die Parameter stimmen, können wir uns des eigentlichen Problems annehmen.

Dr. Tobias Kister, Funktionsoberarzt der Universitätsklinik für Kardiologie – Helios Stiftungsprofessur

Zuerst der Covid-Test

Dr. Tobias Kister, Funktionsoberarzt der Universitätsklinik für Kardiologie – Helios Stiftungsprofessur am Herzzentrum Leipzig, nimmt sich der Patientin als Erster an. Gemeinsam mit Assistenzärztin Dr. Corinna Becker hat er an diesem Morgen Dienst in der CPU. Beide wissen, von ihrer Arbeit hängt es ab, akute Erkrankungen schnellstmöglich zu erkennen und so auch mögliche Spätfolgen zu verhindern. Und dennoch gehört der Auftakt ihrer Untersuchung für wenige Minuten einem ungebetenen Gast: Covid-19. „Die Sicherheit aller Mitarbeiter des Hauses und anderer Patienten verlangt von uns, jeden Neuzugang einem Sreening zu unterziehen. Temperaturmessung, Kontaktbefragung, gegebenenfalls ein Antigenschnelltest. Erst wenn hier die Parameter stimmen, können wir uns des eigentlichen Problems annehmen“, sagt Kister. Ausnahmen gebe es nur bei Patienten, die mit einem akuten Herzinfarkt ins Klinikum kommen. Hier zählt für die Mediziner ohnehin jede Minute, um das Schlimmste abzuwenden.

Es folgen weitere Untersuchungen

Die Untersuchungen werden routiniert vorgenommen.
Die Abläufe sind in der Chest Pain Unit routiniert, sodass die Symptome der Patienten schnell geklärt werden können. Foto: Sven Gückel

Indes hat die Risikoanalyse von Andrea Stamm grünes Licht signalisiert. Demgegenüber stehen ihre Vitalparameter auf Rot. Vor allem der dramatisch hohe Blutdruck alarmiert beide Ärzte. Um dem auf den Grund zu gehen, nimmt die Krankenschwester der Patientin Blut ab und schreibt ein EKG. Das Blut wird umgehend ins Labor geschickt. „Gleichzeitig wird vor Ort eine Blutgasanalyse erstellt. Viele der dabei ermittelten Werte zeigen uns, ob der betreffende Patient vital bedroht ist“, erläutert Dr. Kister. Seine ruhige Art überträgt sich schnell auf Andrea Stamm. Sie weiß, dass sie im Herzzentrum in guten Händen ist, fachkundig versorgt wird. Keine zehn Minuten nach ihrer Anmeldung in der CPU hält Kister ihr EKG in den Händen – und gibt eine vorsichtige Entwarnung. Um jedoch ganz sicher zu gehen, werden nach einem festen Algorithmus exakt eine Stunde später weitere Blutproben von Andrea Stamm im Labor untersucht. Dieses Mal fassen die Mediziner speziell die Kontrolle Eiweißkomplexes Troponin ins Auge, ein wichtiger Laborwert in der Diagnose von Herzschädigungen. „Nicht jeder Infarkt ist sofort im EKG erkennbar. Der Troponinwert gibt da mehr Klarheit“, betont er. Fürs Erste kommt Andrea Stamm mit dem Schrecken davon. Schon bald wird sie aber wieder im Herzzentrum vorstellig werden. Dann soll eine tiefer gehende Diagnostik die Ursachen ihres überhöhten Blutdrucks ermitteln.

Wer krank ist, muss sich einem Arzt vorstellen. Die Angst vor Corona darf dies nicht verhindern.

Dr. Tobias Kister, Funktionsoberarzt der Universitätsklinik für Kardiologie – Helios Stiftungsprofessur

Der Rettungsdienst ist im Anmarsch

Dr. Tobias Kister telefoniert mit dem Rettungsdienst, der weitere Patienten ankündigt
Neben Patienten, die von selbst die CPU aufsuchen, werden auch viele vom Rettungsdienst angekündigt und ins Herzzentrum gefahren. Foto: Sven Gückel

Noch während die Leipzigerin beruhigt aufatmet, kündigt sich in der CPU der Rettungsdienst an. An Bord des Einsatzwagens haben die Sanitäter die 65-jährige Birgit Fahl (Name geändert). Auch sie klagt über starke Schmerzen in der Brust, weist einen Blutdruck von 200 mmHg auf. Zudem, berichtet die Seniorin gegenüber Dr. Becker, verspüre sie seit geraumer Zeit Schmerzen im rechten Bein. Auch das Atmen bereite ihr schon bei geringer Belastung Probleme. Einem eingespielten Uhrwerk gleich, arbeitet das CPU-Team routiniert seine Vorgaben ab. Covid-19 Schnelltest, EKG, erste Blutwerte. Um mehr über die Ursachen des Leidens erfahren zu können, bittet Dr. Becker die Patientin auf eines der vier Betten der Notfallambulanz. Zwei Minuten später beurteilt sie das Herz von Birgit Fahl im Ultraschallbild. Zusammen mit ihrem Kollegen Dr. Kister erkennt sie, dass eine der Herzklappen der Grund des Übels ist. „Die Aortenklappe ist altersbedingt etwas verengt, Anlass zu großer Sorge gibt es aber nicht”, beruhigt er die Patientin. Auch sie wird das Klinikum noch am selben Vormittag nach Blutdruckeinstellung beruhigt verlassen dürfen und sich später zur genaueren Analyse wieder einfinden.

Wo bleiben die Patienten?

Der Dienst in der Brustschmerzeinheit sei nicht planbar, verdeutlicht Tobias Kister. „Zwei Drittel der Patienten, die zu uns kommen, tun das selbst oder auf Empfehlung ihres Hausarztes. Das verbleibende Drittel füllen Patienten aus, die der Rettungsdienst einliefert”, erläutert er. Größere Sorgen bereiten ihm und seinen ärztlichen Kollegen derzeit jene Herzkranken, die sich aus Angst vor einer Covid-19 Ansteckung nicht ins Klinikum trauen. „Vor allem Patienten mit Herzinsuffizienz glauben, als Risikopatient das Haus nicht verlassen zu dürfen. Sie scheuen die Öffentlichkeit. Mit dieser Angst fördern sie aber die Gefahr ihre vorhandene Herzerkrankung durch Verzögerung zu verschlechtern”, zeigt Kister die Dramatik auf. Studien aus der ersten Coronawelle untermauern, das dieses Verhalten im schlimmsten Fall sogar zum Tode der Patienten führen kann. Zahlen sprechen eine klare Sprache.

„Wer krank ist, muss sich einem Arzt vorstellen. Die Angst vor Corona darf dies nicht verhindern”, mahnt Dr. Kister. Nur im Klinikum können akute Krankheitsbilder wie der Herzinfarkt, Einrisse in der Hauptschlagader (Aortendissektion) oder eine Lungenembolie erkannt und der richtigen Therapie zugeführt werden. Wer das herunterspielt oder ignoriert riskiert den wichtigsten Besitz, den er hat – das eigene Leben.

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