Jeder verdient eine Chance
Interview zum "Restart a Heart Day"

Jeder verdient eine Chance

Kronach

Am 16. Oktober ist der "World Restart a Heart Day". Weltweit soll er das Bewusstsein für die Bedeutung stärken, die Wiederbelebungsmaßnahmen durch Laien im Fall von Herz-Kreislauf-Stillständen haben. Ziel ist es, so viele Menschen wie möglich in der Reanimation zu schulen und damit die Überlebenschancen der Betroffenen zu erhöhen.

Da in der Corona-Zeit keine öffentlichen Veranstaltungen zu diesem lebenswichtigen Thema möglich sind, haben wir mit den Mitgliedern des Reanimations-Teams der Helios Frankenwaldklinik Kronach gesprochen und sie nach ihren Erfahrungen befragt. Rede und Antwort standen uns Herr Uwe Fleischmann, Chefarzt der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin, Herr Thomas Christel, Fachkrankenpfleger für Anästhesie – und Intensivpflege und ACLS-Instructor, sowie Herr Jens Fischer, stellvertretender Stationsleiter der Intensiv-/IMC-Station am Kronacher Klinikum.

F:

Am "Restart a Heart Day" wollen wir darauf aufmerksam machen, dass Laienreanimation lebensrettend wichtig ist. Wissen Sie, an wie vielen Wiederbelebungen Sie über all die Jahre beteiligt waren?

A:

(Thomas Christel) Schwierige Frage, aber ich schätze, dass es bei mir über 100 waren.

(Uwe Fleischmann) Ich habe ein paar mehr, weil ich über 25 Jahre als Notarzt gefahren bin.

 

F:

Heißt das, für Sie ist Wiederbelebung mittlerweile so etwas wie Routine oder ist es jedes Mal wieder neu?

A:

(Uwe Fleischmann) Der Ablauf ist sicherlich standardisiert und auch in den letzten Jahren regelmäßig überarbeitet und optimiert worden. Bei Reanimationen in einer Klinik hat man außerdem Standard-Umgebungen und auch immer wieder vergleichbare Patienten. Letztendlich ist eine Wiederbelebung aber nie eine Standardsituation. Sie ist immer individuell. Das gilt umso mehr für Laienreanimation. Diese findet vor allem außerklinisch statt. 60% der Reanimationen sind im privaten, häuslichen Umfeld. Sie betreffen Menschen, die noch nie etwas damit zu tun hatten.

 

F:

Es ist also eine Frage der Übung?

A:

(Uwe Fleischmann) Für uns ist es mehr Routine als für den Laien, der so etwas auf der Straße oder im sozialen Umfeld erlebt. Der absolviert für den Führerschein einen Kurs "Sofortmaßnahmen am Unfallort" und 6 Monate später ist dieses Wissen dann wieder weg. Die wenigsten kommen auf die Idee, Auffrischungskurse bei der Volkshochschule oder beim Roten Kreuz zu besuchen. An diese Zielgruppe wenden wir uns an diesem Aktionstag.

 

F:

...der ja in eine außergewöhnliche Zeit fällt.

A:

(Uwe Fleischmann) In der COVID-Zeit ist es sicherlich noch einmal schwieriger, weil soziale Distanz aufgebaut wurde. Da gibt es Ängste. Wir haben in Deutschland eine geringe Bereitschaft, als Ersthelfer zu reanimieren. In Holland oder in Skandinavien helfen Laien bei rund 60% der außerklinischen Reanimationen mit, während wir bei etwa 40% liegen. Mit den Ängsten rund um Corona wird diese Quote sicher aktuell nochmal schlechter sein.

 

F:

Was hält die Leute davon ab, selbst zu reanimieren?

A:

(Thomas Christel) Es kommen mehrere Faktoren zusammen. Zum einen die Angst, zum anderen das mangelnde Wissen, die Unsicherheit. Deshalb ist ja auch vor drei Jahren der Restart a Heart Day ins Leben gerufen worden, um das Thema in der Bevölkerung bekannt zu machen.

(Uwe Fleischmann) Bei einem fremden Menschen ist die Distanz groß und die Angst vor Hygieneproblemen ausgeprägt, gerade heutzutage. Die Bereitschaft zu helfen ist natürlich im eigenen familiären oder sozialen Umfeld höher. Viele würden gerne helfen, sind aber hilflos, denn es fehlt das Wissen oder das Training. Das ist auch oft die Motivation, wieso Leute zu Kursen kommen: Sie hatten einen Vorfall in der Familie und haben gemerkt "Ich bin hilflos gewesen!". Der andere Punkt ist aber die Bereitschaft, einer fremden Person auf der Straße zu helfen. Ich glaube, das ist ganz schwierig, weil wir einen gesellschaftlichen Mainstream haben, uns mehr um uns selbst als um andere zu kümmern. Das gilt natürlich nicht für alle Menschen, aber das ist die Zielgruppe. Es darf nicht passieren, dass ein Mensch zusammenbricht und zehn Passanten stehen umher, ohne dass jemand das Heft des Handelns in die Hand nimmt. Das müssen wir aufbrechen.

 

F:

Ist Reanimation denn prinzipiell kompliziert?

A:

(Uwe Fleischmann) Was Laienreanimation in den letzten Jahren schon einfacher gemacht hat, ist die Fokussierung auf die Herzdruckmassage. Die Mund-zu-Mund- oder Mund-zu-Nase-Beatmung hat eher an Stellenwert verloren. Wenn man es als Laie mit einem sicheren Herzstillstand zu tun hat, ist es am allerwichtigsten, dass man sofort mit der Herzdruckmassage beginnt und einen Alarm absetzt. Beatmung hilft ebenfalls, aber wenn ein Patient nach möglichst kurzer Wartezeit durchgehend 100 Mal pro Minute eine Herzdruckmassage bekommt, bis dann der Rettungsdienst eintrifft, minimiert man bereits die Chance, dass das Gehirn einen bleibenden Schaden erleidet. Der Rettungsdienst wird in vielen Situationen nicht innerhalb der ersten, besonders kritischen 5 Minuten nach einem Kreislaufstillstand am Ort des Geschehens sein. Das ist die Domäne des Ersthelfers.

(Thomas Christel) Faustregel ist: Pro Minute ohne Wiederbelebungsmaßnahmen sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit um 10% und die Gefahr einer Gehirnschädigung steigt. Wenn es im Schnitt acht Minuten dauert, bis der Rettungsdienst eintrifft, kann man sich die Folgen ausrechnen. Geringe Überlebenschancen und eine wahrscheinliche Gehirnschädigung.

 

F:

Es treibt doch auch sicher Viele die Sorge um, durch falsche Reanimation Verletzungen anzurichten?

A:

(Uwe Fleischmann) Wir wollen dafür sensibilisieren, dass es eine Grundbereitschaft zum Helfen gibt und dass man nicht befürchten muss, einen Fehler zu machen. Nur eines ist falsch, nämlich gar nichts zu tun. Eine blanke Herzdruckmassage ohne Beatmung ist schon weit besser als gar nichts zu tun.

(Jens Fischer) Laienhelfer befürchten oft, sie könnten Schaden anrichten, etwa durch Rippenbrüche. Wenn sie ein Knacken hören, hält das die Helfer leider immer wieder vom Weitermachen ab. Dabei muss man regelmäßig 5 cm tief drücken, um eine qualitativ gute Herzdruckmassage durchzuführen.

(Uwe Fleischmann) Ein Rippenbruch ist nicht schlimm. Schlimm ist, nichts zu tun oder vier Minuten hin- und her zu überlegen "Tu ich was oder tu ich nichts?". Einfach anfangen und den Mut haben sich informieren, etwa in Kursen oder ganz unverbindlich bei Tagen der offenen Tür in der Klinik, bei Rettungsorganisationen oder auch im Internet. Es gibt auf Youtube sehr gute Anleitungen zur Theorie der Wiederbelebung, die man sich mal anstelle der neuen Folge der Lieblingsserie anschauen kann. All das trägt dazu bei, dass am Ende des Tages mehr Menschen lebend und ohne neurologische Schäden die Klinik wieder verlassen können.

 

F:

Wenn plötzlich vor mir jemand kollabiert und die Panik in mir aufkommt, gibt es dann eine einfache Faustregel, die ich mir ins Gedächtnis rufen kann?

A:

(Thomas Christel) Die drei Stichpunkte "Prüfen-Rufen-Drücken" sind einfach zu merken. Sobald ein Patient auf Zuruf keine Reaktion zeigt und keine Atmung hat, muss man sofort den Rettungsdienst verständigen und mit der Herzdruckmassage beginnen: 5 bis 6 cm tief mit einer Frequenz von 100 bis 120 Drücken pro Minute. 6 cm sind etwa der Durchmesser eines Tennisballs. In dieser Tiefe muss man den Brustkorb eindrücken und auch wieder entlasten. Für die richtige Frequenz kann man sich an bekannter Musik orientieren. Bewährt ist "Staying alive", aber auch "Atemlos durch die Nacht" oder "Highway to Hell" funktionieren, je nach Geschmack.

(Jens Fischer) Früher war auch das Ausmessen des richtigen Druckpunkts auf dem Brustkorb ein großes Thema. Das ist heute viel einfacher gehalten. Man sucht die Mitte des Brustkorbs, also das Brustbein auf Höhe der Brustwarzen, und los geht's. Ein kompliziertes Messen ist nicht mehr erforderlich.

 

F:

Corona bestimmt noch immer unseren Alltag. Welche Auswirkungen hat die Krankheit auf das Thema "Laienreanimation"?

A:

(Uwe Fleischmann) Ich glaube, dass Corona die Hürde wieder höher gelegt hat, einer fremden Person nahe zu kommen oder sie sogar zu beatmen. Die Angst, jemand Fremden zu berühren, wenn wir uns nicht einmal mehr unter Freunden die Hände geben, ist da. Corona baut Barrieren auf und kann auch für Manche eine Legitimation zum Nichtstun sein. Wir waren auf einem guten Weg in den letzten Jahren, die Reanimationsquote in Deutschland zu verbessern. Wir arbeiten an vielen Stellen, in Schulen oder in der allgemeinen Bewusstseinsschärfung, aber ich sehe, dass Corona einen Rückschlag herbeiführen könnte.

 

F:

Ist denn die Ansteckungsgefahr groß?

A:

(Uwe Fleischmann) Man kann der Ansteckungsgefahr gut begegnen. Es erwartet niemand in der Laienreanimation die Mund-zu-Mund-Beatmung. Wichtig ist, eine Blutzirkulation aufrecht zu erhalten. Der Patient kann die Herzdruckmassage auch bekommen, während er eine Maske oder ein Taschentuch vor dem Gesicht hat, damit der Helfer vor Aerosolen geschützt ist. Das entspricht auch der Empfehlung des Berufsverbands.

 

F:

Sie appellieren also eindeutig: Wiederbelebung auch in Zeiten von Corona?

A:

(Uwe Fleischmann) Jeder verdient eine Chance, ohne bleibende neurologische Schäden aus so einer Sache herauszugehen. Corona ist kein Grund, keine Herzdruckmassage durchzuführen.

 

F:

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Stefan Studtrucker

Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Stefan Studtrucker

Telefon

(09261) 59-6108