Selbst ist der Mann!

Selbst ist der Mann!

Erfurt

Patient Bernd Trinkler über sein Leben mit Rheuma.

Bernd Trinkler, 70 Jahre alt, überlässt die Dinge nur ungern sich selbst oder gar anderen. In seinem Häuschen Baujahr 1936 kennt er jeden Ziegelstein. In der Werkstatt stapeln sich Utensilien für alle Eventualitäten. Und wenn es gerade nichts zu Werkeln gibt, sind da noch Uta und Joey. Auch die beiden Schäferhunde wollen schließlich beschäftigt werden. Dass mit dem geschäftigen Treiben eines Tages Schluss sein könnte, daran hat der rüstige Rentner keinen einzigen Gedanken verschwendet. Bis zum Frühjahr 2018. Da kam er plötzlich kaum mehr aus dem Bett vor Schmerzen. Verschiedene Ärzte äußerten zunächst immer nur einen Verdacht. Als Bernd Trinkler nicht mehr laufen konnte, war es dann aber Gewissheit: Er hat Rheuma.

„Stellen Sie sich vor, Sie haben Zahnschmerzen. An jeder Muskelfaser. Das ist die Hölle“, sagt er zurückblickend. Ans Handwerken war nicht mehr zu denken. Autofahren? Ging nicht mehr. „Lenken wäre nicht das Problem gewesen. Aber ich bekam einfach die Tür nicht mehr auf.“ Mit den Hunden spazieren gehen – eine Tortur. „Halten Sie mal eine Leine, wenn Sie die Finger nicht mehr bewegen können.“

Bernd Trinkler hat den Verlauf seiner Erkrankung fortlaufend dokumentiert. Auf Basis seiner Aufzeichnungen konnte im Helios Klinikum Erfurt schnell ein präziser Behandlungsplan aufgestellt werden.

Statt Steinen stapelte Bernd Trinkler fortan Schmerzmittel und Spritzen. Doch das half nur bedingt. Also begann er akribisch Buch zu führen. Über seinen Tagesablauf, was er aß und trank, wo er sich bettete. „Die Dokumentation half mir dabei, die Erkrankung kennen zu lernen, mit ihr zu leben, mich darauf einzustellen“, sagt er ein gutes Jahr später. Seine Ernährung hat er komplett umgestellt – die geliebten Süßigkeiten toleriert er auf dem Tisch, nicht aber in seinem Bauch. Ein Kasten Bier reicht inzwischen für mehrere Monate. Bernd Trinkler bevorzugt jetzt eiweißreiche Kost, insbesondere sehr zuckerhaltiges Obst hingegen verschmäht er. Schlafen bei offenem Fenster? „Ist Geschichte. Das Bett habe ich gegen das Sofa im kuscheligen Wohnzimmer getauscht.“ Die Kühle sei Gift für ihn gewesen. Außerdem glaubt er, dass eine Wasserader unter seinem Schlafzimmer verlaufe, die sich seinen Recherchen zufolge negativ auf den Schlaf insgesamt auswirke. „Wie auch immer: Seit ich aufs Sofa umgezogen bin, habe ich jedenfalls morgens deutlich weniger Beschwerden“, sagt er. Und Musik sei es, die sich positiv auswirke. „Ich bin mit den Beatles aufgewachsen und verabscheue Volksmusik. Gleichwohl habe ich festgestellt, dass, wenn ich Helene Fischer höre, die Schmerzen weggehen“, erklärt er mit einem Augenzwinkern.

Seit einem halben Jahr hilft ihm obendrein auch noch eine erfahrene Rheumatologin. Nach einem schweren Schub im Sommer 2018 wurde Bernd Trinkler ins Helios Klinikum Erfurt eingewiesen, traf hier auf Priv.-Doz. Dr. med. Sabine Adler. „Mit meinen detaillierten Angaben und auf Basis meiner Dokumentation konnten wir gemeinsam schnell einen präzisen Behandlungsplan aufstellen“, erklärt er. Mit einer täglichen Dosis Kortison und unter intensiver Überwachung wurden sowohl die Schmerzen als auch die Entzündungswerte schnell deutlich weniger.

„So viel weniger, dass ich heute wieder ungestört meinen Tag in der Werkstatt verbringen kann“, freut sich Bernd Trinkler. Angesichts anstehender Bau- und Reparaturprojekte sei die anfängliche, durch das Kortison bedingte Gewichtszunahme, auch kein Ärgernis mehr. „Mit den Nebenwirkungen kann ich locker leben. Die Schmerzen waren um ein Vielfaches schlimmer“, sagt er und gibt sich kämpferisch: „Ich habe mir vorgenommen, 104 Jahre alt zu werden. Das Rheuma wird mir hier keinen Strich durch die Rechnung machen.“