Neuartige Krankheit: MIS-C bei Kindern nach Corona-Infektion
Entzündungserkrankung nach Sars-Cov-2

Neuartige Krankheit: MIS-C bei Kindern nach Corona-Infektion

Berlin

Corona-Infektionen verlaufen bei Kindern in den meisten Fällen harmlos. Seit April 2020 berichten Experten allerdings zunehmend von einem seltenen Krankheitsbild, das in Verbindung mit einer Infektion durch Sars-CoV-2 bei Kindern und Jugendlichen auftritt.

Wir sprechen mit Prof. Dr. Axel Sauerbrey, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Helios Klinikum Erfurt sowie Prof. Dr. Tim Niehues, Chefarzt des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin im Helios Klinikum Krefeld über die Entzündungserkrankung MIS-C.

MIS-C – was steckt dahinter?

MIS-C ist eine Krankheit, die bei Kindern und Jugendlichen nach einer Infektion mit Sars-CoV-2 auftreten kann. Die Abkürzung MIS-C leitet sich von der englischen Krankheitsbezeichnung „Multisystem Inflammatory Syndrome in Children“ ab. International ist das Krankheitsbild unter den Akronymen MIS-C oder PIMS (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome) bekannt. MIS-C zeichnet sich durch Entzündungen in Organen wie Haut, Herz, Magen-Darm-Trakt, Schleimhäute, Lunge, Leber und Nieren aus.

Die ersten Fälle in Verbindung mit dem Corona-Virus wurden im April 2020 bei Kindern aus Frankreich, Italien und Großbritannien beobachtet.

Zuerst kam der Verdacht auf, dass die Kinder das Kawasaki-Syndrom haben. Nach einigen Monaten wurde jedoch klar, dass es sich um ein eigenes Krankheitsbild handelt.

Prof. Dr. Tim Niehues, Chefarzt des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin | Helios Klinikum Krefeld

Erste Symptome von MIS-C treten nicht direkt nach einer Corona-Infektion auf, sondern etwa zwei bis sechs Wochen später. Üblicherweise findet man nach diesem Zeitraum keine Corona-Viren mehr im Körper – vielmehr lassen sich Corona-Antikörper als Antwort der Immunreaktion nachweisen. Warum sich das Syndrom bei vereinzelten Kindern und Jugendlichen entwickelt, ist nicht bekannt. Experten nehmen an, dass die körpereigene Immunabwehr gegenüber dem Corona-Virus überreagiert und einen akuten Entzündungsprozess in Gang setzt. „Bisher gibt es keine genauen Aussagen über die Häufigkeit der Erkrankung. In großen Kliniken liegen die Fälle geschätzt etwa zwischen zehn und zwanzig. Bundesweit gesehen, ist diese Häufung beachtlich“, erläutert Prof. Dr. Niehues. Jungen und Mädchen seien zudem in gleichem Maße von der Krankheit betroffen. Zahlen zum MIS-C werden aktuell von der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) erhoben.

Symptome und Verlauf von MIS-C

Die Krankheit MIS-C geht einher mit charakteristischen Symptomen, die teilweise an das Kawasaki-Syndrom erinnern. Im Gegensatz zum Kawaski-Syndrom handelt es sich allerdings nicht um eine Gefäßentzündung (Vaskulitis), sondern um eine Entzündungserkrankung, die das ganze Körpersystem betrifft. Neben den Gefäßen also auch die Organfunktionen. Studien zeigen, dass meist vier oder mehr Organe der Kinder betroffen sind. Der Verlauf der Krankheit erinnert an eine schwere Blutvergiftung (Sepsis). Prof. Dr. Sauerbrey sagt: „Etwa ein Viertel der Kinder muss intensivmedizinisch betreut werden“.

Diese Symptome sind typisch:

  • Hautausschläge
  • Lymphknotenschwellung
  • Fieber
  • Veränderungen an den Schleim- und Bindehäuten
  • Starke Bauchschmerzen
  • Entzündete Organe und dadurch erhöhte Entzündungswerte
  • Herzmuskelentzündung (Myokarditis)
  • Herz-Rhythmusstörungen
  • Ergüsse in den Herzbeuteln
  • Herzklappenfunktionsstörungen
  • Nierenversagen
  • Kreislaufversagen

Diagnose MIS-C – Differenzierung vom Kawasaki-Syndrom

Kinder und Jugendliche mit MIS-C sind im Schnitt älter als Kawasaki-Betroffene. Studien zeigen zudem, dass bei der Erkrankung MIS-C die Zytokine Interleukin 17 und Interferon Gamma im Blut stark erhöht sind. Als Zytokine werden Proteine bezeichnet, die das Wachstum und die Differenzierung von Zellen regulieren. Beim Kawasaki-Syndrom sind die Zytokine ebenfalls erhöht, allerdings kann man diese nach aktuellem Stand nicht klar voneinander differenzieren.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Kriterien entwickelt, die für die Diagnose MIS-C sprechen.

Die sechs Kriterien lauten:

  • Alter 0–19 Jahre
  • Fieber über mindestens drei Tage
  • Anzeichen einer Erkrankung von mindestens zwei verschiedenen Organen (Haut, Schleimhäute, Augen, niedriger Blutdruck oder Schock, Herzerkrankung, Blutgerinnungsstörungen, akute Magen-Darm-Beschwerden)
  • erhöhte Entzündungswerte
  • keine andere Erklärung
  • Hinweis auf eine Infektion mit dem Corona-Virus, entweder durch Nachweis, Bestimmung von Antikörpern oder Kontakt zur einer infizierten Person

Des Weiteren müssen bei einem Verdacht auf MIS-C andere schwere Erkrankungen ausgeschlossen werden, die ähnliche Symptome hervorrufen können – beispielsweise eine Blutvergiftung, Darminfektion oder schwere Herz- oder Lungenerkrankungen. Die Kinder werden deshalb auf mögliche virale und bakterielle Erkrankungen gründlich untersucht. Außerdem erfolgen meistens Ultraschalluntersuchungen des Herzens und Röntgenuntersuchungen der Lunge.

So kann die Erkrankung behandelt werden

Eine Therapie von MIS-C ist darauf ausgerichtet, die übermäßige Reaktion des Immunsystems zu bremsen. Hier kann eine Gabe von Kortison hilfreich sein. Zudem erhalten die Kinder eine ähnliche Behandlung wie beim Kawasaki-Syndrom: intravenöse Immunglobuline sowie Azetylsalizylsäure-Tabletten, um Schädigungen des Herzens vorzubeugen und immunmodulatorische Medikamente (Steroide, gegebenenfalls Zytokin-Antagonisten), um die verantwortlichen Botenstoffe zu neutralisieren und die Erkrankung effektiv zu behandeln. Außerdem bekommt das Kind intravenös Flüssigkeit zugeführt. Etwa jeder vierte kleine Patient ist intensivpflichtig. In seltenen Fällen müssen die Betroffenen auch künstlich beatmet werden. 

Warum sind vor allem Kinder betroffen?

Warum MIS-C vor allem Kinder betrifft, können Experten noch nicht genau sagen. Prof. Dr. Sauerbrey stellt eine Vermutung auf:

Das Immunsystem von Kindern ist sehr reaktionsfreudig – mehr als bei Erwachsenen. Möglicherweise sind die Immunreaktionen bei Kindern im Fall von MIS-C deshalb stärker ausgeprägt.

Prof. Dr. Axel Sauerbrey, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin | Helios Klinikum Erfurt

In der Kinderheilkunde sind einige Erkrankungen bekannt, bei denen es nach einer Virusinfektion zu Gelenkschwellungen, Hauterscheinungen oder Problemen an den Organen kommt. Diese Phänomene des Immunsystems sind bei Kindern generell häufiger als bei Erwachsenen. Bisher ist noch nicht geklärt, warum diese Erkrankung bei vereinzelten Kindern nach Covid-19 auftritt und bei manchen nicht. Auch Risikofaktoren konnten bis jetzt nicht identifiziert werden.

Prognose und Langzeitfolgen

MIS-C ist ein relativ neues Phänomen in der Kinderheilkunde, deshalb gibt es bislang keine Aussagen über Langzeitfolgen. Die Chancen, dass die Erkrankung bei Kindern vollständig ausheilt, sind gut. In seltenen Fällen werden die Organe so schwer geschädigt, dass langfristige Schäden zurückbleiben.

Eine seltene Krankheit, die noch viele Fragen aufwirft

Die Kinderkrankheit MIS-C ist ein neuartiges Krankheitsbild, das an das Kawasaki-Syndrom erinnert, sich in einzelnen Punkten aber klar unterscheidet. Die Krankheit muss aufgrund ihrer Schwere ernst genommen und weiter erforscht werden. Fachgesellschaften dokumentieren die Erkrankungen regelhaft (DGPI). Wichtig ist, dass sich möglichst viele Kliniken an diesen Erfassungen beteiligen, sodass in Zukunft eindeutigere Aussagen über seltene Kinderkrankheiten wie MIS-C getroffen werden können.

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