Die Entdeckung des Faktors Zeit

Die Entdeckung des Faktors Zeit

Erfurt

Am 10. Mai ist Tag gegen den Schlaganfall

Noch vor wenigen Jahrzehnten galt es als schicksalhaft, wenn einen der „Schlag“ traf. Wer überlebte, wurde ins Krankenhaus gebracht, dort unter therapeutischer Hilflosigkeit und fürsorglicher Betreuung mehr oder weniger lange verwahrt, bis die Akutphase vorüber war und sich langfristige Ausfälle an Armen, Beinen oder beim Sprechen und damit der Betreuungsbedarf zeigten.

Heute gilt der Schlaganfall als akuter Notfall, der von der Erkennung der Symptome bis zur Versorgung auf der Stroke-Unit ein stringentes medizinisches Management erfordert. „Rasches Handeln, zügige Abläufe und gute Prozesse in Diagnostik und Therapie können die Sterblichkeit senken, die Folgeschäden minimieren und die Rückkehr in den Alltag beschleunigen“, weiß Priv.-Doz. Dr. Andreas Steinbrecher, Chefarzt der Neurologie im Helios Klinikum Erfurt. „Daher führen wir die Patienten engmaschig - von der Notaufnahme über die Stroke-Unit bis hin zur peripheren Station.“ Moderne Schlaganfalltherapie geht aber noch einen Schritt weiter: „Wir streben die frühe Mobilisierung und die Verlegung der Betroffenen in eine neurologische Rehabilitationsbehandlung oder, wenn möglich, die Entlassung ins häusliche Umfeld an“, sagt Steinbrecher. „Wenn ein stabiler Zustand erreicht ist, sollten möglichst auch die medizinischen Fragen und Entscheidungen geklärt sein.“ Denn: „Ab einem bestimmten Punkt profitiert der Patient nicht mehr vom Akutkrankenhaus“, so der Experte. Im Gegenteil: Die Risiken der geringeren Mobilität und des stationären Umfelds können dann den Nutzen des Krankenhausaufenthalts übersteigen. „Die Entlassung muss natürlich gut vorbereitet sein“, sagt Steinbrecher. „Hier kommt dem therapeutischen Team, dem Sozialdienst und dem Entlassmanagement eine ganz entscheidende Bedeutung zu.“

Rasches Handeln, zügige Abläufe und gute Prozesse in Diagnostik und Therapie können die Sterblichkeit senken, die Folgeschäden minimieren und die Rückkehr in den Alltag beschleunigen.

Priv.-Doz. Dr. Andreas Steinbrecher

Um erfolgreich zu sein, muss das Entlassmanagement sehr früh beginnen - am besten schon bei Aufnahme des Schlaganfallpatienten. „Das gelingt uns im Erfurter Klinikum inzwischen gut“, sagt Steinbrecher. „Wir binden den Sozialdienst von Anfang an eng ein.“ Parallel zur medizinischen Versorgung klärt der Sozialdienst ab, welches die beste Form der Nachbetreuung für den Patienten ist. „Ist der medizinische Entlasszeitpunkt erreicht, muss feststehen, wohin die Reise des Patienten geht“, konstatiert Steinbrecher.

Time is brain

Der Schlaganfall (Apoplex) ist eine akute Durchblutungsstörung des Gehirns, bei der das unversorgte Hirngewebe innerhalb von Minuten bis wenigen Stunden abstirbt. Meist ist eine Schlagader (Arterie) verengt oder durch ein Blutgerinnsel verstopft. Seltener ist eine Blutung die Ursache. Blutgerinnsel lassen sich heutzutage durch Medikamente auflösen (Lyse) oder durch einen Katheter entfernen (Intervention). Je schneller der Blutfluss wiederhergestellt ist, desto mehr Hirngewebe bleibt erhalten. Daher ist rasches Handeln erforderlich. Dies gilt auch für Schlaganfälle, die durch Blutungen ins Hirngewebe verursacht werden, aber in der Akutphase anders behandelt werden müssen.
Auch vom klinischen Erscheinungsbild her ist Schlaganfall nicht gleich Schlaganfall.

Patienten mit einem kleinen Schlaganfall, das heißt ohne wesentliche körperliche oder psychische Einschränkungen, können nach Hause, sobald die Untersuchungen abgeschlossen sind und der weitere Plan zur Behandlung beziehungsweise Vermeidung weiterer Schlaganfälle feststeht. Bei diesen Patienten hängt die Dauer des Krankenhausaufenthalts nahezu ausschließlich von den Abläufen im Krankenhaus ab. Das gilt auch für Patienten mit leichten Einschränkungen, die im Alltag aber zurechtkommen und gegebenenfalls von zuhause aus in eine Anschlussheilbehandlung gehen.

Anders ist das bei Patienten mit größeren Schlaganfällen. Hier spielt neben dem Ablauf der Diagnostik auch eine Rolle, dass es einige Tage dauern kann, bis ein stabiler, nicht mehr lebensbedrohlicher Zustand erreicht ist, Komplikationen wie eine Lungenentzündung überstanden sind, das Ausmaß des Schadens deutlich wird und eine Verlegung organisierbar ist. Hier wird die Verweildauer außer von der Effizienz der stationären Arbeit in unterschiedlichem Ausmaß von der Erkrankungsschwere selbst, dem sozialen Umfeld und der Prognose bestimmt.