Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie

SOP Rückenmarksverletzung und akute Querschnittslähmung

Manchmal ändert sich ein Leben innerhalb von Sekunden: Wenn bei einem Unfall Leitungsbahnen im Spinalkanal verletzt werden, kann das zu einer Querschnittlähmung führen. Über das weitere Schicksal des Patienten entscheidet oft schon die Behandlung vor Ort und innerhalb der ersten Stunden. Wie wir mit diesem Notfall fachlich umgehen, ist Bestandteil dieser SOP.

1 Definition

Akute Querschnittslähmungen sind Folge von Schädigungen des Rückenmarks oder der Cauda equina traumatischer oder nichttraumatischer (neoplastisch, entzündlich) Ursache. Sie können mit einer Schocksymptomatik („spinaler Schock“) verbunden sein.

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2 Besonderheiten

Aus anästhesiologisch/intensivmedizinischer Sicht sind besonders zu beachten:

2.1 Intensivüberwachung

Jede akute Querschnittslähmung, auch die inkomplette Lähmungen wie z. B. das A. spinalis-anterior-Syndrom, ist intensivüberwachungspflichtig. Es ist mit kardiovaskulären, pulmonalen, neurologischen, gastrointestinalen und urologischen Komplikationen zu rechnen.

2.2 Neurologische Funktion

Neurologische Ausfälle sind engmaschig zu kontrollieren und zu dokumentieren (Neuromonitoringprotokoll CHW).

2.3 Kreislauffunktion

  • stabilisieren mittels Katecholaminen (Noradrenalin, Adrenalin, Ultima ratio Vasopression)
  • stabilisieren mittels Volumentherapie (Kristalloide)
  • frühzeitig PiCCO-Anlage
  • Ziel-MAD > 80 mmHg in der Akutphase verbessert das Outcome

2.4 Methylprednisolon

  • Strenge Indikationsstellung! Entscheidung immer durch Oberarzt KANS/NEURO/CHW
  • Durch Methylprednisolon nach dem NASCIS-Schema werden nur diskrete Verbesserungen des neurologischen Ausgangsbefunds erzielt. Dagegen treten jedoch gehäuft schwere Nebenwirkungen wie Sepsis und Pneumonien auf.
  • Kortikosteroide aufgrund traumatischer Ursachen:
    • nicht empfohlen beim polytraumatisierten Patienten
  • Kortikosteroide aufgrund von isolierten Wirbelsäulenverletzungen nicht vorerkrankter Patienten
    • nach interdisziplinärer Risiko-Nutzen-Abwägung möglich
    • muss innerhalb von 8 h nach dem Ereignis begonnen werden
  • Kortikosteroide aufgrund nicht traumatischer Ursachen (z.B. Raumforderungen mit Myelonödem)
    • Hochdosierte Prednisolongabe z.B.
  • Präparate:
    • Dexamethason
      • Bolus 40 mg
      • dann mittelfristig 32 mg/d oral, über längere Zeit ausschleichen
    • Methylprednisolon Dosierungsschema (NASCIS):
      • Bolus von 30 mg/kg KG innerhalb von 15 Minuten
      • dann 5,4 mg/kg/h über 23 h (Vorhaltung im ZOP)

2.5 Weitere Maßnahmen

  • sofortige Harnblasendrainage
  • prophylaktische Thrombembolieprophylaxe mit Enoxaparin
  • Stressulcusprophylaxe mit Protonenpumpenhemmern
  • 4stündige, regelmäßige en-bloc-Lagerung

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3 Mögliche Komplikationen

3.1 Dysautonome Krisen

  • Blutdruckanstieg und Herzfrequenzabfall bei Stimulation im gelähmten Körperbereich
  • oft bei Harnverhalt oder Defäkation
  • HBK legen, regelmäßigen Stuhlgang anregen

3.2 Zervikale/hochthorakale Läsionen (über Th6)

  • Beatmungspflicht häufig ⇒ Monitoring der Atemfrequenz und engmaschige Blutgasanalysen obligat
  • gestörte sympathische Innervation
  • Vagotonus überwiegt
  • tracheales Absaugen und/oder Würgen etc. kann zu Bradykardie/Asystolie führen
  • Achtung: höchste Prävalenz um 4. Tag nach dem Primärereignis

3.3 Schmerzsyndrome

  • Häufige Frühkomplikation
  • bevorzugt Nichtopioidanalgetika und Co-Analgetika (Neuroleptika etc.) in der Frühphase

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Stand, Kontakt, Haftung

Stand: 18.03.2019

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Robert Henker

Oberarzt
Robert Henker

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