Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie

SOP Urologische Anästhesie

Die Urologie (von griechisch οὖρον, ouron: ‚Harn‘) ist ein Teilgebiet der (operativen) Medizin. Sie beschäftigt sich mit den harnbildenden und harnableitenden Organen, also mit Niere, Harnblase, Harnleiter und Harnröhre bei beiden Geschlechtern. Urologen behandeln zudem Krankheiten der Geschlechtsorgane des Mannes. Wie wir unsere urologischen Patienten perioperativ anästhesiologisch betreuen, regelt diese SOP.

1 Besonderheiten

Die operative Urologie konfrontiert den Anästhesisten mit einer Vielzahl von Herausforderungen:

  • der überproportional hohe Anteil geriatrischer Patienten mit typischen Begleiterkrankungen wie KHK, COPD, Diabetes mellitus un Niereninsuffizienz 
  • besondere Lagerungen der Patienten verbunden mit der Gefahr lagerungsbedingter Nervenschädigungen sowie den Effekten auf Atem- und Kreislauffunktion 
  • Bakteriämie/Urosepsis bei Patienten mit Obstruktion der ableitenden Harnwege und Harnweginfektionen 
  • Gefahr erheblicher Blutverluste bei „großen“ Tumoreingriffen 
  • spezifische Komplikationen, wie zum Beispiel das TUR-Syndrom

Zum Inhaltsverzeichnis

2 Prämedikation

Die Prämedikationsvisite beinhaltet unter anderem das Einschätzen des individuellen perioperativen Risikos und erfolgt nach der entsprechenden SOP unserer Klinik. Für die einzelnen operativen Eingriffe ist in folgendem Umfang aufzuklären:

Operativer Eingriff

Anästhesieumfang

TUR-Blase - LM/ITN oder SpA
- ggf. Obturatoriusblockade
- 2x 20G-Flexüle
- Steinschnittlagerung
- PAP bei großer Resektionsfläche
TUR-Prostata - LM/ITN oder SpA
- 18G- + 20G-Flexüle
- PAP
- Steinschnittlagerung
URS - LM/ITN
- 2x 20G-Flexüle
- Steinschnittlagerung
Perkutane Nephrostomie - ITN
- 2x 20G-Flexüle
- PAP nach Rücksprache mit Operateur
- Bauchlage
ESWL - Sedierung (Remifentanil 0,1 µg kg-1 min-1)
- 20G-Flexüle
- Rücken
PNL - ITN
- 18G- + 20G-Flexüle
- PAP
- Bauchlage; ggf. vorher Steinschnittlagerung
offene Nieren-OP,
Nierenteilresektionen
- ITN, PDK
- 17G- + 20G-Flexüle
- bei Nierenteilresektion = PAP
- Blasenkatheter
- Seitenlagerung, transperitoneal = Rückenlagerung
laparoskopische Nieren-OP,
Nebennieren-OP
- ITN, PDK
- 17G- + 20G-Flexüle
- bei Nierenteilresektion = PAP
- Blasenkatheter
- Seitenlagerung
- Magensonde
Nierentumor mit Invasion
in die Vena cava
- ITN, PDK
- 16G- + 18G- + 20G-Flexüle
- arterielle Druckmessung
- PAP
- Blasenkatheter
- Rückenlagerung
- ggf. Schleuse oder Shaldon-Katheter
Adrenalektomie,
Phäochromozytom-Resektion
- ITN, PDK
- 18G- + 20G-Flexüle
- arterielle Druckmessung nur bei Phäochromozytom
- Blasenkatheter
- Bauchlagerung
- Magensonde
Radikale Prostatektomie - ITN, PDK
- 17G- + 20G-Flexüle
- PAP
- Rückenlagerung
Zystektomie - ITN, PDK
- 17G- + 20G-Flexüle
- arterielle Druckmessung
- PAP
- Rückenlagerung
Hoden, Penis, Skrotum - LM/ITN
- 18G- + 20G-Flexüle
- Rückenlagerung
CAPD-Katheter - ITN
- 18G- + 20G-Flexüle
- Rückenlagerung
- Pt. erhält präoperativ auf peripherer Station 1 g Vancomycin i.v.
interstitielle Brachytherapie/
Afterloading
- ITN
- 18G- + 20G-Flexüle
- Steinschnittlagerung

 

Zum Inhaltsverzeichnis

3 Endourologische Eingriffe

Bei allen endourologischen Eingriffen ist darauf zu achten, dass der MAD am Operationsende über 70 mmHg gehalten wird. Andernfalls besteht die Gefahr, dass mögliche Blutungen nicht ausreichend erkannt werden. Nach Rücksprache mit dem/der Operateur:in werden kurz vor Ende des Eingriffs Diuretika gegeben.

3.1 TUR-Prostata (OP-Risiko 2)

  • Lagerung: Steinschnittlagerung
  • Standardmonitoring
  • zwei periphere Venenzugänge
  • Spinalanästhesie ist das bevorzugte Anästhesieverfahren
    • Punktionsnadel: Pencil-Point 27 G
    • Punktionhöhe L4/5 oder L3/4
    • Anästhetikum: Ropivacain 0,5 %, 3 – 5 ml je nach Körpergröße, Alter und Gewicht des Patienten, Anästhesiehöhe Th 9 – 10
  • bei Kontraindikation oder Ablehnung der Spinalanästhesie durch den Patienten: Allgemeinanästhesie mit Larynxmaske.
  • ab Operationsdauer > 70 min: Bestimmen des Serum-Na-Spiegels
  • nach Ausleitung im "TUR-OP" Transport des Patienten unter Monitoring in den Aufwachraum ZOP, danach Verlegung auf Normalstation möglich
  • Abweichung bei: 
    • komplikationsbehaftete OP oder Narkose
    • kardiopulmonales Risikoprofil

Es werden auch Prostataresektionen mittels Laser durchgeführt. Dieses Verfahren (HOLEP = Holmiumlaserenukleation der Prostata) kann teilweise mehrere Stunden dauern und bedarf deshalb einer Allgemeinanästhesie. Die Patienten sollten grundsätzlich danach überwacht werden. Der/die Prämedikator:in klärt über eine ITN auf, wenn auf dem Anästhesie-Anamnesebogen oben rechts "Laser-TUR" oder "HOLEP" steht.

3.2 TUR-Blase (OP-Risiko 2)

  • Steinschnittlagerung
  • Standardmonitoring
  • zwei periphere Venenzugänge
  • Spinalanästhesie 
    • Punktionsnadel: Pencil-Point 27 G
    • Punktionshöhe: L4/5 oder L3/4
    • Anästhetikum: Ropivacain 0,5 %, 3 – 5 ml je nach Körpergröße, Alter und Gewicht des Patienten
    • Anästhesiehöhe Th 9 – 10 anstreben
  • Allgemeinanästhesie mit Larynxmaske

Besonderheit
Bei der Tumorlokalisation an der Seitenwand  kann der N. obturatorius durch das Elektroresektoskop gereizt werden und eine Zuckung des M. adductor mit Perforationsgefahr der Blase verursachen. In diesem Fall wird der N. obturatorius blockiert. Bei gegebener Befundkonstellation erfolgt die Blockade in Spinal- und in Allgemeinanästhesie. Eine partielle neuromuskuläre Blockade reicht in diesem Falle nicht aus (siehe auch N. obturatorius-Blockade).

3.3 Uretrorenoskopie, Zystoskopie (OP-Risiko 2)

  • zwei periphere Venenzugänge
  • Allgemeinanästhesie mit Larynxmaske
  • Bei der URS ist auf eine ausreichende Narkosetiefe zu achten, da die Gefahr der Ureterverletzung besteht. Eine Relaxation des Patienten ist nicht zwingend erforderlich.

Zum Inhaltsverzeichnis

4 Harnsteinleiden

4.1 Perkutane Nephrostomie (OP-Risiko 2)

  • oft dringend
  • wird von den Urolog:innen in Lokalanästhesie und in Bauchlage durchgeführt
  • falls Narkose erforderlich: Intubationsnarkose
  • Standardmonitoring

4.2 Extrakorporale Stoßwellenlithotripsie (OP-Risiko 2)

  • wird in der Regel von den Urolog:innen unter der Gabe von Pethidin/Diazepam durchgeführt
  • gelegentlich Analgosedierung mit Remifentanil 0,1 µg/kg/min oder Allgemeinanästhesie mit Larynxmaske erforderlich

Während der ESWL können in 10 – 14 % der Fälle kardiale Arrhythmien auftreten, bei denen es sich meist um SVT mit Re-Entry über den AV-Knoten oder akzessorische Bahnen handelt. Ausgelöst werden sie durch mechanische Effekte der Stoßwellen. Deshalb wird die ESWL-Stoßwelle mit dem EKG 1:1 synchronisiert. Das Auftreten von SVT ist kein Grund, die ESWL zu beenden, es sei denn, der/die Patient:in wird hämodynamisch instabil. In den meisten Fällen reicht eine kurze Unterbrechung, eine Umstellung der Synchronisation auf 1:2 oder Gabe von Beta-Blockern aus. Artefakte wie Shivering oder Relaxometrie sind zu vermeiden.

4.3 Perkutane Nephrolitholapaxie (Nephrolithotripsie, OP-Risiko 2)

  • Bauchlage
  • zwei periphere Venenzugänge (z.B. 20 G/18 G)
  • Standardmonitoring
  • Allgemeinanästhesie mit ITN
  • Magensonde (bevorzugt transoral)
  • postoperative Überwachung auf Station IMC; in Ausnahmefällen nach Rücksprache mit Operateur:in und zuständigem/r Oberarzt/Oberärztin Verlegung auf Normalstation möglich

Zum Inhaltsverzeichnis

5 Eingriffe an Nieren und Nebennieren

5.1 Lagerung

  • Nierenlagerung (seitliche Taschenmesserlagerung), zusammen mit Operateur:in
  • Der Blutdruck wird (nichtinvasiv/invasiv) immer am unten liegenden Arm gemessen.
  • alternativ (bei transperitonealem Zugang): überstreckte Rückenlagerung mit Auslagerung beider Arme

5.2 Offen chirurgische Operationen – Radikale Nephrektomie, Nierenteilresektionen, Pyeloplastik (OP-Risiko 2 – 3)

  • zwei periphere Venenzugänge (z.B. 20 G, 18 G)
  • Standardmonitoring
  • thorakaler PDK Th 7/8
  • präoperatives Anlegen eines Blasenkatheters
  • bei transperitonealem Vorgehen (Rückenlagerung): präoperatives Anlegen einer Magensonde (Entfernung unmittelbar postoperativ)
  • Allgemeinanästhesie mit Intubation
  • Anästhesieführung:
    • balancierte Anästhesie mit Desfluran, PDA, ggf. Sufentanil
    • PDA: Nach der Testdosis (5 ml Ropivacain 5%) und noch vor dem Schnitt werden 20 µg Sufentanil appliziert. Spätestens 20 Minuten später Beginn der kontinuierlichen Gabe von Ropivacain 0,2 % mit einer Laufrate von 8 – 10 ml/h
  • postoperative Überwachung auf Station IMC

5.3 Laparoskopische Nephrektomie (OP-Risiko 2 – 3)

  • zwei periphere Venenzugänge
  • Standardmonitoring
  • Allgemeinanästhesie mit ITN
  • modifizierte Seitenlagerung mit Vakuummatratze
  • PDK-Anlage nur nach Rücksprache mit dem/der Operateur:in und Spangenaufsicht bzw. 1. Dienst
  • präoperatives Anlegen einer Magensonde (Entfernung unmittelbar postoperativ)
  • präoperatives Anlegen eines Blasenkatheters (Entfernung unmittelbar postoperativ)
  • CAVE: Zum Ende der Operation erfolgt die Bergung des Präparats mittels eines Bergeschnitts im Bereich der Flanke. Zur Vermeidung von „Pressen“ während der Bergung empfiehlt es sich, die Narkose mit Bolusgaben von Propofol (ca. 30 – 60 mg) zu vertiefen. Eine Nachrelaxierung gilt es zu vermeiden, da die OP nach erfolgreicher Bergung des Präparats in der Regel innerhalb von 15 Minuten beendet ist.

5.4 Nierentumore mit Invasion oder Obstruktion der V. cava inferior (OP-Risiko 5)

  • mindestens zwei große periphere Venenzugänge (z. B. 16 G/14 G)
  • Bei schlechtem peripheren Venenstatus und/oder bei zu erwartendem großen Blutverlust besteht die Indikation zur Anlage einer 7,5 – 8,5 F-Schleuse oder eines Shaldonkatheters. In diesem Fall Rücksprache mit dem/der zuständigen Fach-/Oberarzt/Oberärztin und entsprechendes präoperatives Aufklären des/der Patienten/in.
  • Je nach Befund und Ausgangs-Hb sollen mindestens 2 Erythrozytenkonzentrate im Labor bereit liegen.
  • Standardmonitoring, ggf. invasive Blutdruckmessung
  • thorakaler PDK Th 7/8
  • Allgemeinanästhesie mit Intubation
  • präoperatives Anlegen eines Blasenkatheters

Bei Eingriffen mit passagerem Abklemmen der Nierenarterie beträgt die renale Ischämiezeit regulär maximal 20 min (30 min sollten keinesfalls überschritten werden).

5.5 Adrenalektomie (Retroperitoneoskopische Adrenalektomie, OP-Risiko 3)

  • CAVE: Entscheidend für das anästhesiologische Vorgehen ist die Art des Tumors! Dem/der Anästhesisten/Anästhesistin muss klar sein, ob es sich um eine Metastase oder einen ggf. hormonaktiven Tumor der Nebenniere handelt.
  • Allgemeinanästhesie mit Intubation
  • Standardmonitoring; invasive arterielle Blutdruckmessung durch Anlage eines A. radialis-Katheters am kontralateralen/ unten liegenden Arm nur bei Patienten/innen mit Phäochromozytom
  • Operation in sog. Heidelberger Lagerung (Knie-Ellenbogen-Lagerung) CAVE: Durch die Lagerung kommt es zu einer Verschiebung des Blutvolumens in die abhängigen Beine, mit häufig ausgeprägtem Blutdruckabfall! Besonders bei Patienten/innen mit Phäochromozytom, welche zur perioperativen Konditionierung mittels Alphablocker eingestellt sind, sind unter Umständen daher hohe Katecholamindosierungen notwendig.
  • präoperatives Anlegen einer Magensonde (Entfernung unmittelbar postoperativ)
  • präoperatives Anlegen eines Blasenkatheters (Entfernung unmittelbar postoperativ)
  • postoperatives Überwachen auf Intensivstation je nach Tumor und Komorbiditäten:
    • Phäochromozytom = INT/IMC
    • alle anderen = IMC oder Normalstation
  • Hydrocortison wird in Abhängigkeit von der Tumorart und nur nach Rücksprache mit dem Operateur gegeben.
  • bei Phäochromozytom erfolgt
    • die Operation nur nach intensivierter medikamentöser Konditionierung
    • die intraoperative Blutdruckkontrolle durch intermittierende/ kontinuierliche Urapidilgaben, ggf. ergänzt durch Dihydralazin.

Zum Inhaltsverzeichnis

6 Tumorurologische Beckeneingriffe

6.1 Radikale Prostatektomie (OP-Risiko 3)

  • Rückenlage, beide Arme ausgelagern
  • zwei periphere Venenzugänge, davon eine 14 G/16 G
  • Anlage eines PDK, Punktionshöhe Th 9/10 oder 10/11
  • Standardmonitoring
  • Allgemeinanästhesie mit Intubation
    • Anästhesiefortführung: 
      • balancierte Anästhesie mit Desfluran
      • Niedrig-Dosis-PDK-Schema
  • Restriktive Volumenzufuhr (maximal 1000 ml) bis zum vollständigen Herauslösen des Präparats zur Minimierung des intraoperativen Blutverlusts. Bei ausgeprägter Blutung während der Präparation, Volumenzufuhr nach hämodynamischer Notwendigkeit ohne Begrenzung.
  • Suffiziente Relaxierung bis zum vollständigen Herauslösen des Präparats aufrechterhalten. „Pressen“ kann, aufgrund der engen anatomischen Verhältnisse, zur Durchtrennung der Nervi splanchnici pelvici und damit zu Erektionsstörungen führen.
  • postoperatives Überwachen auf IMC oder Normalstation

Die radikale Prostatektomie beinhaltet die en bloc-Resektion von Prostata, Samenblasen, Ductus deferens und eines Teils des Blasenhalses. Der verbleibende Blasenhals wird mit dem Urethrastumpf über einen Foley-Katheter anastomosiert. Der zu erwartende Blutverlust liegt in der Regel bei 300 - 500 ml, kann in Einzelfällen aber bis zu 2000 ml betragen. Bei der Präparation der Prostata kann durch das Eröffnen des santorinischen Venenplexus innerhalb kurzer Zeit ein massiver Blutverlust mit hämodynamischer Instabilität entstehen.

6.1.1 PDK-Analgesie bei TPE

Perioperativ

  • tief-thorakale PDK-Anlage (Th 8/9 oder 9/10)
  • Testdosis PDK: 5 ml Ropivacain 0,5%
  • Aufspritzen: 5 ml Sufentanil = 25 µg
  • kontinuierliche Gabe via PDK kurz vor Hautnaht mit Ropivacain 0,2% (Pumpe/Beutel; Laufrate perioperativ bedarfsadaptiert, Zieldosis zur Ausleitung: ≤ 5ml/h)
  • Wund-/Bauchdeckeninfiltration durch den Operateur mit 20 ml Ropivacain 0,25%

Postoperativ

  • OP -Tag abends: 1 g Metamizol p.o.
  • 1. postoperativer Tag: 4 x 1 g Metamizol p.o. und 2x 10 mg Oxycodon p.o.
  • Auslassversuch PDK

6.2 Radikale Zystektomie mit pelviner Lymphonodektomie, Ileumconduit/Neoblase/Ureterostoma (OP-Risiko 5)

  • siehe hierzu auch SOP perioperatives Management bei Zystektomie
  • zwei periphere Venenzugänge 14 G/ 16 G, ZVK-Anlage nur bei schlechten Venenverhältnissen in Rücksprache mit Fach-/ Oberarzt/Oberärztin
  • Anlage eines PDK, Punktionshöhe Th 9/10 oder 10/11
  • Allgemeinanästhesie mit Intubation
  • arterielle Blutdruckmessung (A. radialis, ggf. A. femoralis)
  • Narkoseführung:
    • Balancierte Anästhesie mit Desfluran und Sufentanil, ggf. Remifentanil oder TIVA
    • PDK erst gegen Ende der OP medikamentös bestücken
  • postoperatives Überwachen auf INT1/3.
  • zwei Erythrozytenkonzentrate sollen in Bereitschaft sein

Die radikale Zystektomie beim Mann beinhaltet die pelvine Lymphonodektomie, die Entfernung von Harnblase, Prostata, Samenblasen, eines Teils der Urethra; bei der Frau werden Harnblase, Uterus, Ovarien, vordere Vaginalwand und Urethra reseziert. Der zu erwartende Blutverlust liegt in der Regel zwischen 300 – 500 ml, der Eingriff kann aber auch mit erheblichen Blutverlusten einhergehen. Jeder Patient zur radikalen Zystektomie mit Neoblasenanlage soll nach der Prämedikationsvisite dem/der zuständigen Oberarzt/Oberärztin oder dem/der OP-Koordinator:in (fernmündlich) vorgestellt werden.

Zum Inhaltsverzeichnis

8 Eingriffe an Penis, Hoden und Scrotum

  • Rückenlage
  • ein oder beide Arme ausgelagert
  • ein peripherer Venenzugang
  • Standardmonitoring

8.1 Hodenfreilegung, Ablatio testis, Hydro-/Varikozelenresektion

  • Allgemeinanästhesie mit Larynxmaske
  • Varikozelen-OP gewöhnlich in Lokalanästhesie
  • Bei Patientenwunsch oder schwerer pulmonaler Vorerkrankungen ist eine Spinalanästhesie möglich: Innervation des Hodens Th10 – L2, parasympathische Versorgung über N. vagus (Reizung durch Zug am Samenstrang)

8.2 Zirkumzision

  • in Einzelfällen mit Lokalanästhesie
  • meist Allgemeinanästhesie mit Larynxmaske und
  • Regionalanästhesie nur nach Rücksprache mit dem/der Operateur:in. Blockade des N. dorsalis penis = Peniswurzelblockade (PWB), ggf. auch durch Operateur:in möglich.

8.3 Laserchirurgische Abtragung von Peniskondylomen

  • Allgemeinanästhesie mit Larynxmaske (zum Teil sehr kurze Eingriffe von nur wenigen Minuten Dauer)

8.4 CAPD-Katheterimplantation (Continuous Ambulatory Peritoneal Dialysis, OP-Risiko 2)

  • Rückenlage
  • beide Arme ausgelagert
  • ein bis zwei periphere Venenzugänge (z. B. 20 G/18 G)
  • Allgemeinanästhesie mit Intubation
  • Fortführen in balancierter Anästhesie

Zum Inhaltsverzeichnis

9 TUR-Syndrom

Der/die Urologe/Urologin arbeitet endoskopisch mit einem Elektroresektoskop, das wechselweise schneiden und koagulieren kann. Um gute Sichtverhältnisse zu erreichen, müssen Urethra, Ureter und Harnblase ständig mit einer transparenten, den elektrischen Strom nicht leitenden Flüssigkeit gespült werden. Diese Spülflüssigkeit ist hyposmolar und elektrolytfrei. In unserem Klinikum wird dafür Purisol® (SM Sorbit 2,7 %, Mannit 0,54 %, Osmolalität 178 mosmol/kg) verwendet. Das TUR-Syndrom fasst klinische Zustände zusammen, die aus dem Einschwemmen der hypotonen, elektrolytfreien Spülflüssigkeit in den systemischen Kreislauf resultieren. Klinisch bietet das TUR-Syndrom ein Bild der Volumenüberlastung des Herzkreislaufsystems bis hin zum Lungenödem. Die damit einhergehende Verdünnungshyponatriämie (hypotone Hypervolämie, Wasserintoxikation) kann ein Hirnödem verursachen. Neurologische Symptome treten ab einem Natriumspiegel von 120 mmol/l und weniger auf. Die Symptome entwickeln sich rasch, wenn die Spülflüssigkeit über verletzte große Venenplexus nahe der Prostatakapsel resorbiert wird. Das TUR-Syndrom kann auch bei der perkutanen Nephrolitholapaxie (PNL) durch Ein-schwemmen der Spülflüssigkeit über eröffnete Venen oder sekundäre Resorption ins Interstitium entstehen. Da in unserer Klinik bei der PNL 0,9 %ige NaCl-Spüllösung verwendet wird, kann in diesem Fall eine isotone Hyperhydratation entstehen. Der klinische Verlauf bei initialer Resorption ins Interstitium (periprostatisch, ggf. retroperitoneal bei PNL) ist dagegen über Stunden protrahiert.

9.1 Klinische Zeichen

9.1.1 Neurologisch

  • Frühzeichen sind
    • Unruhe, Verwirrung
    • Schwindel, Tinnitus
    • Kopfschmerzen
    • Übelkeit, Erbrechen
  • Spätzeichen
    • Lethargie
    • weite Pupillen mit träger Lichtreaktion
    • tonisch-klonische Krämpfe (Serum-Na < 102 mmo/l)
    • positiver Babinski-Reflex

9.1.2 Kardiopulmonal

  • Dyspnoe
  • Hypertonie mit anschließender Hypotonie
  • Bradykardie
    • EKG-Veränderungen: Bradykardie
    • Knotenrhythmus
    • U-Welle
    • ST-Streckenhebung
    • QRS- Verbreitung wenn Serum-Na < 102 mmol/l

9.2 Begünstigende Faktoren

  • Größe der Prostata (60 ml Volumen
  • chronische Prostatitis
  • Integrität der Kapsel (Eröffnen des Venenplexus)
  • hydrostatischer Druck der Spülflüssigkeit (maximale Höhe 60 cm über der Symphyse)
  • Dauer der Operation (60 min)
  • Erfahrung des/der Operateurs/Operateurin

9.3 Früherkennung

  • Überwachen der Bewusstseinslage der Patienten, daher regionale Anästhesie vorziehen, zurückhaltende Sedierung
  • Kommunikation mit dem Operateur bezüglich Operationsverlauf und –dauer
  • Bei entsprechenden Hinweisen des Operateurs oder ab Op-Dauer > 60 min Messen des Serum-Na, vor allem bei den Patienten in Allgemeinanästhesie

9.4  Therapie

  • Verständigen des Chirurgen und Beenden des Eingriffes
  • Verständigen des zuständigen Fach-/Oberarztes
  • Flüssigkeitsrestriktion und forcierte Diurese mit Furosemid 20 – 40 mg i.v.
  • Natriumsubstitution wenn Serum-Na ≤ 120 mmol/l:
    • Natriumbedarf = (Na-Soll – Na-Ist) x kgKG x 0,6
    • Als Faustregel gilt: 3,5 ml/kg/KG der 10 % NaCl-Lösung heben den Na-Serumspiegel um 10 mmol/l.
    • Von der errechneten Gesamtmenge wird ein Drittel zügig über Perfusor verabreicht. Bei einem Serum-Na von 118 mmol/l und einem Körpergewicht von 70 kg zum Beispiel beträgt der Gesamtbedarf (Na-Soll 138 mmol/l) 3,5 x 2 x 70 = 490 ml 10%-Lösung, davon 160 ml in einer Stunde). Danach erfolgt die Natriumbestimmung und ein entsprechendes Anpassen der Dosis. Eine akute Hyponatriämie kann so schnell ausgeglichen werden, wie sie ent-standen ist.

Die Gefahr einer extrapontinen Myelinolyse besteht bei schnellem Ausgleich (> 0,55 mmol/h) einer chronischen, seit mindestens 48 h bestehenden Hyponatriämie.

bei schwerem Verlauf:

  • großzügige Indikation für Intubation 
  • invasives Monitoring
  • Dobutamin, ggf. Epinephrin (Adrenalin)
  • ITS-Bett anfordern, sonst Therapie und Überwachung im AWR und später auf Station IMC

Zum Inhaltsverzeichnis

 

Stand, Kontakt, Haftung

Stand: 08.10.2019

Kontakt

Steve Haubold

Oberarzt
Steve Haubold

E-Mail

Telefon

(0361) 781-2056