Neurochirurgie: Wach-Operation bei Hirntumor

Neurochirurgie: Wach-Operation bei Hirntumor

Der Patient ist bei vollem Bewusstsein, als die Chirurgen einen Teil seines Hirntumors entfernen. Er wurde während der Operation aus der Narkose geholt. Anhand seiner Bewegungen erkennen die Ärzte, ob sie Leitungsbahnen zu nahekommen, die Bewegungsbefehle des Gehirns in die Muskeln senden.

„In zehn Minuten brauche ich ihn“, sagt Professor Dr. Thomas Westermaier zu Anästhesistin Clara Brunete Lorenzo. Gemeint ist Peter Amberger*, der Patient auf dem Operationstisch. Er liegt im Saal 7 des Helios Amper-Klinikums Dachau. Sein Bauch und seine Hände sind mit schwarzen Gurten fest an den OP-Tisch gebunden. Sein Kopf wird von der sogenannten Mayfield-Klemme fixiert.

„Das Hirngewebe empfindet keinen Schmerz“, erklärt Westermaier, Chefarzt der Neurochirurgie. „Die Entfernung des Tumors ist daher auch nicht schmerzhaft.“ Nur die Kopfhaut, der Schädelknochen und die darunterliegende Hirnhaut des Patienten wurden mit einem Betäubungsmittel betäubt. Zusätzlich wurden dem Patienten Schmerzmittel über die Vene gegeben.

Oberarzt Dr. Florian Oehlschlägel (l.) und Chefarzt Prof. Dr. Thomas Westermaier während der Operation.

Auf dem rasierten Schädel hatte Oberarzt Dr. Florian Oehlschlägel vor Beginn der Operation mehrere Elektroden befestigt und eine schwarze Linie aufgemalt, die genau aufgezeigt, wo Haut und Schädel geöffnet werden müssen.

Ambergers geöffnete Schädeldecke wird von zwei Klammern auseinandergehalten. Unter den blauen OP-Tüchern ist nur die Öffnung in das Innere des Gehirns zu sehen. Chefarzt Westermaier und Oberarzt Oehlschlägel entfernen bereits seit mehr als zwei Stunden in minutiöser Kleinarbeit den Tumor in der rechten Hirnhälfte. Beide sitzen vor einem Operationsmikroskop, in das MRT-Bilder eingespielt werden. Jetzt nähern sie sich einem Funktionsbereich im Hirn, den sie nicht schädigen dürfen – ansonsten wäre die linke Körperhälfte gelähmt.

In zehn Minuten muss die Anästhesistin den Patienten aus der Narkose geholt haben. Die Chirurgen benötigen dessen Hilfe – bei vollem Bewusstsein während des Eingriffs. Im Vorfeld haben Brunete Lorenzo und Westermaier das Vorgehen bei einer Wach-OP ausführlich mit Amberger besprochen und sein Einverständnis eingeholt. Jetzt schaltet die Anästhesistin ein Smartphone mit der Lieblingsmusik des Patienten an, streichelt sanft seine Wange.

Bei dieser Wachoperation wird der Hirntumor radikal entfernt und die Hirnfunktion maximal geschont.

Professor Dr. Thomas Westermaier, Chefarzt Neurochirurgie

Vor gut einem Jahr hat Professor Westermaier am Helios Amper-Klinikum Dachau die Fachabteilung Neurochirurgie aufgebaut. Sein Team behandelt Hirnblutungen, Schlaganfallfolgen, Gehirntumore, Gefäßmissbildungen in Gehirn oder Rückenmark. Eine Wachoperation ist nicht alltäglich: „Aber in diesem Fall kann so der Hirntumor radikal entfernt und die Hirnfunktionen maximal geschont werden“, so Westermaier. „Das wäre bei einer Vollnarkose nicht möglich.“ Für die Entfernung von Ambergers Tumor, der nahe an Funktionsbereichen für die Bewegung des linken Beins und des linken Arms liegt, muss der Patient bestimmte Tests machen.

„Bitte heben Sie den linken Arm“, sagt Westermaier. Oder: „Bitte wackeln Sie mit den Zehen am linken Fuß.“ Der Grund für diese Tests: Funktionen wie Bewegungen oder auch Sprache können während einer Vollnarkose nicht zuverlässig überprüft werden. Nur mithilfe der Bewegungen von Peter Amberger können die Ärzte erkennen, ob sie den Leitungsbahnen zu nahekommen, die die Bewegungsbefehle des Gehirns in die Muskeln senden. Dann entscheiden sie, ob ein vom Tumor befallenes Gewebe entfernt werden kann – oder nicht.

Während der Tests stehen die Chirurgen in ständigem Kontakt mit Nicole Zimmer. Der Blick der Medizinischen Fachangestellten aus der Neurologie ist unablässig auf zwei Monitore gerichtet. Über Elektroden am Kopf des Patienten kann sie die Leitungsfähigkeit von Gehirn und Nerven messen und damit deren Unversehrtheit prüfen. „Über eine Stimulationselektrode, mit der die Hirnoberfläche direkt stimuliert wird, überprüfen wir, ob dieser Abschnitt des Hirngewebes eine Bewegungsfunktion hat“, erklärt der Chefarzt. „Durch die Stimulation mit einer bestimmten Stromstärke und Frequenz wird bewirkt, dass dieser Hirnbezirk vorübergehend nicht mehr arbeiten kann. Wenn die Elektrode ausgeschaltet wird, ist die Funktion wieder da.“ Die Stromstärke kann so eingestellt werden, dass genau festgestellt werden kann, wie weit der Chirurg bei der Tumorentfernung noch vom Bewegungszentrum der Hand und des Beins entfernt ist.

„Zwei Milliampere“, ruft der Chefarzt der Kollegin Zimmer zu. Diese Einstellung zeigt, dass die Stimulationssonde den Bewegungszentren sehr nah kommt.

Westermaier und Oehlschlägel testen rund 30 Minuten immer wieder zusammen mit dem Patienten. In den Pausen redet die Anästhesistin beruhigend auf ihn ein: „Das machen Sie sehr gut“, sagt sie und streichelt seine Hand. Als bei der Stimulation erkennbar wird, dass die Kraft am linken Fuß nachlässt, wird die Tumorentfernung an dieser Stelle beendet.

Die Anästhesistin versetzt den Patienten wieder in Schlaf, die Chirurgen operieren weiter. Peter Ambergers Eingriff verläuft erfolgreich: Nach vier Stunden ist die Schädeldecke wieder geschlossen, die Wunde genäht und die Operation beendet.

 

*Name v. d. Redaktion geändert
  
  

Artikel im H-Magazin Hier können Sie den Artikel "Wachoperation bei Hirntumor" als Printversion herunterladen.

Nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf!

Für Informationen stehen wir Ihnen jederzeit zur Verfügung und beraten Sie gerne.

Sekretariat

Neurochirurgie | Ambulante Terminvereinbarung

Neurochirurgie | Ambulante Terminvereinbarung

Telefon

T (08131) 76-4401 | F (08131) 76-509