Die kleine Schwester
Pressemitteilung

Die kleine Schwester

Oschersleben

Die Helios Bördeklinik feiert in diesem Jahr ihr 125-jähriges Bestehen. Anlass genug, zurückzublicken. In unserer vierteiligen Reihe laden wir zum Streifzug durch die Geschichte ein. Diesmal berichtet die 97-jährige Nanny Reinhardt von ihrer Ausbildung in der alten Klinik an der Triftstraße.

77 Jahre ist es her, da betrat Nanny Reinhardt das erste Mal das damalige Kreiskrankenhaus in der Triftstraße. „Es war ein sehr schönes, sauberes Krankenhaus“, erinnert sich die heute 97-jährige. „Rechts entlang ging es zum OP und zur Frauenstation, links lag die Männerstation und hinter dem Hauptgebäude die Häuser für Diphterie und für Scharlach.“ Gebaut in einer L-Form und mit zwei Etagen ist es ein modernes Krankenhaus für seine Zeit. Es gibt rund 160 Betten, einen Küchentrakt, ein Ärztekasino und ein Schwesternwohnheim. Auch Nanny Reinhardt wohnt dort mit drei weiteren Schwestern. Rund 50 Mark verdient sie im Monat, betreut im Tag- oder Nachtdienst Patienten und lernt. Denn Nanny Reinhardt ist eine sogenannte „Kleine Schwester“. „Heute würde man sicher Krankenpflegehelfer dazu sagen, aber früher war das der geläufige Name“, sagt sie.

Postkarte des alten Krankenhauses an der Triftstraße

Im Januar 1922 wird Nanny Reinhardt in Westeregeln geboren. Als sie 1936 aus der Schule kommt, möchte sie Friseurin werden, doch dort möchte man nur Kinder von Parteigenossen der NSDAP ausbilden. So geht sie mit ihrem Bruder nach Potsdam, wird dort „Haustochter“ eines Oberbaurates. „Ich kümmerte mich um die Wäsche, den Haushalt und die Kinder – manchmal ging ich mit ihnen im nahegelegenen See zwischen den Ausflugsdampfern schwimmen“, erzählt sie. Im Sommer 1939 arbeitet sie in einem Restaurant, backt Kuchen und kocht Kaffee. Von ihrem Ersparten kauft sie sich in Berlin ein blaues Kleid mit roten Punkten, einen Übergangsmantel und ein paar schwarze Lackschuhe. Als am nächsten Tag im Radio der Satz fällt „Seit 5:45 Uhr wird zurückgeschossen“ beschließt sie, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Ihr Vater schreibt ihr, alle wären zum Militär eingezogen worden und er sei allein. Als sie wegen einer Erkrankung in einer Klinik behandelt werden muss, entschließt sie sich, Krankenschwester zu werden. 1941 meldet sie sich bei der zuständigen Stelle in Oschersleben. In Hannover wird sie von einer examinierten Pflegekraft aus Magdeburg und einer Rotkreuzschwester in der Schwesternschule ausgebildet. Zurück in Oschersleben erhält sie im Frühjahr 1942 die damals typische Uniform – weiß mit blauen Streifen.

Nanny Reinhardt als „Kleine Schwester“ in typischer Uniform

Ihren Dienst im Kreiskrankenhaus Oschersleben nimmt sie auf der Männerstation bei Schwester Clara auf. Als sie kurze Zeit später an Diphterie und Scharlach erkrankt, fällt sie sechs Wochen aus. Nach ihrer Rückkehr wird sie auf die Frauenstation geschickt. Zwischen sechs und acht Patienten liegen hier auf einem Zimmer. Die Betten sind feststehend, muss jemand in den Operationssaal. so muss er oder sie auf eine mobile Trage gehoben werden. Auf der Frauenstation arbeitet Schwester Helene, die nach der Bombardierung der Klinik 1944 auch nach Neindorf wechseln wird. „Schwester Helene werde ich nie vergessen“, sagt sie. „Bei ihr habe ich alles gelernt, vor allem, wie man eine Spritze setzt und Betten macht“, schwärmt sie noch heute. Einmal, so erzählt sie, habe Schwester Helene viele unterschiedliche Tabletten auf einem Brett zusammengeschüttet und ihr aufgetragen, diese wieder zu sortieren. „So habe ich gelernt, welche Tablette zu welchem Medikament gehört.“ Mittwochs und sonntags ab 14 Uhr war Besuchszeit, der Tag startete um 7 Uhr mit dem Betten machen. Anschließend wird mit einer Schale Wasser und Alkohol das Zimmer gesäubert, bevor es zur Visite ging. Eine Patientenakte gibt es noch nicht – die Übergabe der Patienten erfolgt ausschließlich mündlich. Dann gab es Frühstück: „Wurstbrot oder auch Marmeladenbrot. Wer ärztlich angeordnet Weißbrot brauchte, hat es auch bekommen.“ Wenn Nanny Reinhardt Pause hatte, ging sie gern im nahen Park spazieren. „Dort war es herrlich“, erinnert sie sich.

Aufnahme der zerbombten Klinik 1944

Den Bombenangriff am 20. Februar 1944 erlebt sie nicht. Ihr Vater schreibt ihr, da ist sie bereits im Hautlazarett. Von dort aus fährt sie später mit dem Fahrrad über 200 Kilometer nach Hause. In einer umgebauten Villa in Klein Wanzleben versorgt sie nach Ende des zweiten Weltkriegs Typhus- und Tuberkulosekranke. „Ohne Brennmittel, ohne Essen und bei offenen Fenstern konnten wir den Kranken kaum helfen“, erzählt sie. Fast wäre sie selbst an Typhus erkrankt. Ihren beruflichen Lebensabend verbringt sie in einer Kindertageseinrichtung. Doch die Arbeit in der Pflege hat sie nachhaltig geprägt, „das hätte ich gern weitergemacht“, sagt Nanny Reinhardt. „Man müsste jungen Leuten die Chance geben, für kurze Zeit in den Pflegeberuf hineinschnuppern zu können. So wie ich mich als junges Mädchen nach vier Wochen dafür begeistert habe, könnte es auch heute jungen Menschen gehen. Vielleicht hätten wir dann keinen Fachkräftemangel.“ Wenn man Nanny Reinhardt zuhört, spürt man die Begeisterung für den Beruf und die Freude, die ihr ihre Tätigkeit als „kleine Schwester“ gemacht hat.

Nanny Reinhardt heute mit 97 Jahren und damals als „Kleine Schwester“

Großer Tag der offenen Tür zum Jubiläum

Am 24. August feiert die Helios Bördeklinik ihr 125-jähriges Jubiläum von 10 Uhr bis 14 Uhr mit einem großen Tag der offenen Tür. Ein buntes Programm wartet auf Kinder und Erwachsene mit Führungen durch den OP und die Funktionsbereiche sowie Ultraschall-Demonstrationen. Kinder und Jugendliche können das Mediziner-Abzeichen mit Kuscheltierröntgen, Gummibärchen-OP und vielen anderen spannenden Aktionen erhalten. Ein großes Kinderfest mit Hüpfburgen, Clowns, Kinderschminken und Co. ist speziell für die Kleinen gedacht und freut sich auf zahlreiche Besucher. Für das leibliche Wohl sorgen Food Trucks mit kalten und heißen Leckereien. Der Eintritt ist kostenfrei, eine Anmeldung nicht erforderlich.