Warum denn nicht?

Die Diagnose Krebs überbringen - damals und heute

Die Diagnose Krebs überbringen - damals und heute

Dr. Carsten Lekutat ist Buch-Autor, TV-Arzt und Mediziner. Er selbst musste in seiner Praxis schon einige Male eine einschneidende Diagnose überbringen. Doch wie überbringt man dies am besten? Während seiner Ausbildung gibt es eine besondere Erfahrung mit einem Chefarzt, die ihn bis heute geprägt hat.

Ein Gastbeitrag von Dr. Carsten Lekutat

Als junger Medizinstudent führte mich mein erstes Krankenpflegepraktikum in ein Londoner Krankenhaus. Ich durfte den Chefarzt für Chirurgie in seiner Sprechstunde begleiten, ein älterer, beeindruckender Mann, der darauf bestand, dass wir ihn „Mister Fields“ und nicht „Dr. Fields“ nannten, da Chirurgen schließlich keine „normalen Ärzte“ seien. Eine seiner wichtigsten Weisheiten, die er immer wieder predigte, lautete: „Was immer du tust, bekämpfe niemals die Natur. Die Natur wird immer gewinnen.“ Ich liebte die Sprechstunde mit ihm.

Ein prägendes Gespräch

Eine seiner Patientinnen ist mir bis heute besonders im Gedächtnis geblieben. Sie war eine ca. 50 Jahre alte Frau, die bei sich einen Knoten in der Brust festgestellt hatte, und nun das Ergebnis der feingeweblichen Untersuchung erwartete. Wer selbst schon mal eine Untersuchung hatte, bei dem eine schwerwiegende Erkrankung herauskommen könnte, mag vielleicht nachvollziehen, wie sich die Frau damals gefühlt haben mochte.

Wir saßen also zu dritt in dem kleinen Sprechzimmer der chirurgischen Abteilung und Mister Fields eröffnete das Gespräch. Und ich war verwundert. Der Chirurg erklärte seiner Patientin nicht etwa das histologische Ergebnis, sondern begann das Gespräch mit einer Frage: „Was glauben Sie, was bei der Untersuchung herausgekommen ist?“. „Doch kein Krebs, oder?“, fragte die Patientin mit ängstlichem Blick. „Warum denn nicht?“, fragte Mister Fields.

Ich war sehr überrascht und ein wenig verärgert über seine Art, der Patientin zu antworten. Seine Rückfrage erschien mir zu lapidar und der Krankheit nicht angemessen. Erstaunlicherweise schien für die Patientin aber genau diese Antwort die richtige gewesen zu sein. Sie entspannte sich sogar etwas, und es konnte ein sehr empathisch und informatives Arzt-Patienten-Gespräch folgen. Anscheinend hatte der Chefarzt genau den richtigen Ton getroffen. Die drei Worte „Warum denn nicht?“ nahmen ein wenig Drama aus der Diagnose und ließen sie wie etwas Alltägliches erscheinen, was Arzt und Patienten gemeinsam irgendwie in den Griff bekommen könnten.

30 Jahre später

Dieses Gespräch ist nun schon fast 30 Jahre her. 30 Jahre, in denen sich die Therapiemöglichkeiten von Krebserkrankungen bahnbrechend geändert haben. Gab es damals eigentlich nur drei Möglichkeiten, eine Tumorerkrankung zu behandeln - Chirurgie, Chemotherapie und Strahlentherapie - stehen uns Ärzten heutzutage immer weitere neue Methoden zur Verfügung.

Zielgerichtete Therapien, Immuntherapien, Antikörpertherapien und Stammzelltherapien sind nur einige von ihnen. Wir verstehen immer mehr, dass nicht nur jeder Patient einzigartig ist, sondern auch jeder Tumor. Daher müssen Behandlungen immer individuell für jeden Menschen neu geplant und durchgeführt werden. Eine verbesserte Diagnostik und Früherkennung von Krebserkrankungen und die erweiterten therapeutischen Möglichkeiten haben in vielen Fällen aus der tödlichen Erkrankung „Krebs“ eine chronische Erkrankung gemacht. Eine chronische Erkrankung, mit der Patienten und Ärzte leben lernen dürfen und müssen.

„Warum denn nicht?“ war damals, vor 30 Jahren, vielleicht ein wenig zu optimistisch, waren die Heilungschancen bei einem bösartigen Knoten in der Brust nicht sonderlich gut. Aber trotzdem bedeutete die Diagnose für unsere englische Patientin nicht automatisch das Ende ihres Lebens. Das wusste auch Mister Fields, und er war ein Meister darin, dieses der Patientin in drei einfachen Worten klarzumachen.

In den letzten 30 Jahren war ich selber als Arzt mehrmals in der Situation, meinen Patienten schlechte Nachrichten überbringen zu müssen. Ich glaube, ich habe es nie in dieser wunderbaren Einfachheit geschafft, wie der alte, leicht verschrobene Chefarzt. Und dabei habe ich es eigentlich einfacher als er, da viele schlechte Nachrichten gar nicht mehr so schlecht sind, wie sie vor 30 Jahren einmal waren. „Sie haben Krebs“ ist glücklicherweise nicht immer ein unabwendbares Todesurteil, sondern häufig eine Möglichkeit, weiterzuleben. Und so habe ich auch immer wieder die Chance, gute Nachrichten zu überbringen und mich mit meinen Patienten gemeinsam darüber zu freuen. Warum denn nicht?

Krebs-Infotag am 09. November

Am Samstag, 09. November sprechen Spezialisten von 9 bis 15 Uhr im Helios Klinikum Berlin-Buch in Seminaren mit Interessierten über moderne Krebsmedizin. Der TV-Mediziner Dr. Carsten Lekutat moderiert eine Expertenrunde zur fachübergreifenden Krebsbehandlung. Interessierte können sich über die Website anmelden, aber auch spontane Teilnehmer sind willkommen: www.helios-gesundheit.de/krebs-weiter-leben