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Mythen und Fakten zum Thema Infektionsprävention

Mythen und Fakten zum Thema Infektionsprävention

Ob in den Zeitungen, Talkshows oder der Werbung, das Thema (Krankenhaus-)Hygiene begegnet uns mittlerweile fast täglich. Meist ist es dabei allerdings mit negativen Emotionen besetzt, mit der Furcht vor Krankheiten oder tragischen Patientenschicksalen. Dabei verdanken wir der „Lehre von der Verhütung der Krankheiten“ ungleich mehr gerettete Leben als jedem anderen Fach der Medizin. Wir klären über die wichtigsten Irrtümer auf.

Dr. Andrea Hauschild, Leiterin der Krankenhaushygiene im Helios St. Elisabeth-Krankenhaus Bad Kissingen

Unserer Krankenhaushygienikerin im Helios St. Elisabeth-Krankenhaus, Dr. Andrea Hauschild, begegnet im Krankenhausalltag bei Patienten und Besuchern immer wieder einer großen Verunsicherung. Darunter sind auch viele Irrtümer oder Verwechslungen, die die Angst noch schüren. Dabei gehören viele Bakterien zur normalen Flora des Menschen und werden uns nur im Falle eines geschwächten Immunsystems gefährlich.

Hier beantwortet die Expertin die wichtigsten Fragen rund um Bakterien, Infektionen und wirklich saubere Hände.

Nein. Bakterien gehören zu unserem natürlichen Umfeld, ohne sie wären wir gar nicht überlebensfähig. Ein Organismus etwa, der vollständig ohne bakterielle Besiedlung aufwächst, hätte Einflüssen von außen rein gar nichts entgegenzusetzen und würde schon nach kurzer Zeit sterben. Wir alle tragen daher auf und in uns Milliarden verschiedenster Bakterien mit bestimmten Funktionen unter anderem im Darm, auf der Haut oder im Mund – teilweise bis zu 10 000 Stück pro Quadratzentimeter. Nur sehr wenige davon machen uns tatsächlich krank: Das Risiko steigt etwa bei einem geschwächten Immunsystem oder nach einer Operation im Krankenhaus, weil dabei natürliche Schutzbarrieren durchbrochen werden oder Keime an „falsche“ Orte gelangen.

Etwa 90 Prozent der Infektionen im Krankenhaus gehen von Bakterien aus, die mit einem Antibiotikum und/oder zusätzlichen medizinischen Maßnahmen wirksam zu therapieren sind. Schwieriger wird es, wenn ein Bakterium über sogenannte Resistenzen verfügt, entwickelt oder erwirbt. Manche Bakterien geben die Resistenzeigenschaften an andere Stämme weiter, wieder andere schalten ihre Resistenzen unter antibiotischem Druck erst an. Dann wirken die gängigen Antibiotika nicht mehr und die Ärzte müssen auf Reservepräparate zurückgreifen.

Wichtig ist zudem, die Infektion von einer Besiedlung (Kolonisation) zu unterscheiden: Besiedlung bedeutet, dass die Erreger auf oder im Körper vorhanden sind, ohne aber eine Krankheit zu verursachen. Im Falle eines MRSA-Nachweises besteht unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, den Patienten zu dekolonisieren. Das heißt, den MRSA-Keim aus seiner Bakterienflora zu entfernen. Diese Behandlung ist bei anderen Keimen wie VRE oder MRGN nicht möglich.

Grundsätzlich wichtig für den Alltag: Möglichst die Hände aus dem Gesicht lassen. Denn über die Augen oder die Schleimhäute in Mund und Nase können Bakterien viel leichter in den Körper eindringen.

Es gibt tatsächlich bestimmte Faktoren, die häufiger mit dem Auftreten multiresistenter Erregereinhergehen:

  • Alter: Besonders junge oder alte Patienten sind gefährdet, da ihr Immunsystem schwächer ist.
  • Schwere Grunderkrankungen: Sind Patienten bereits erkrankt, ist ihre Immunabwehr geschwächt. So können Infektionen, die für gesunde Menschen kaum ein Problem darstellen, eine andere Tragweite entwickeln.
  • Wundheilungsstörungen: Heilen bestimmte Wunden nur schwer, erhöht sich das Risiko, dass sich über diese "Schrankenstörung" Bakterien ansiedeln, die normalerweise nicht zur Hautflora des Betroffenen gehören (z.B. bei Diabetes mellitus)
  • Operationen: Auch hier werden körperliche Barrieren so verändert, dass Bakterien ansosnten vorhandene Hindernisse überwinden und sich - z.B. auf implantierten Prothesen - ansiedeln können.
  • Fremdkörper: Jede Venenverweilkanüle und jeder zentrale Venenkatheter (ZVK) stellt einen unmittelbaren Zugang in die Blutbahn dar und bietet dadurch eine weitere zusätzliche Eintrittspforte für Bakterien. Deshalb wird die Unversehrtheit und Notwendigkeit täglich überprüft.

Keime gelangen meist durch direkten Kontakt und sehr selten durch die Luft von Mensch zu Mensch. Deshalb ist die Händedesinfektion die wichtigste Säule der Infektionsprävention.

 

Bakterien und Viren werden hauptsächlich durch direkten Kontakt übertragen. Deshalb ist die Händedesinfektion als Teil der Basishygiene eines der wichtigsten Mittel im Kampf gegen Infektionen. Das gilt für Mitarbeiter aber auch für den Patienten selbst und seine Besucher.

Die fünf Indikationen für die Durchführung einer Händedesinfektion für das Personal:

  • vor Patientenkontakt
  • vor aseptischen (keimfreien) Tätigkeiten (z.B. Anlegen eines Katheters, Gabe von Injektionen)
  • nach Kontakt mit potenziell infektiösen Materialien
  • nach Patientenkontakt
  • nach Kontakt mit Oberflächen in unmittelbarer Umgebung des Patienten

Quelle: Robert-Koch-Institut / WHO


Für den Patienten und die Besucher ist vor allem wichtig, vor dem Betreten und nach Verlassen des Patientenzimmers die Hände zu desinfizieren. Darüber hinaus gelten in der Klinik die gleichen hygienischen Grundregeln wie im Alltag auch. Über besondere Schutzmaßnahmen, etwa bei einer Kontakt- oder einer Einzelzimmerisolierung, werden Besucher vorab vom Personal informiert. Auch der Patient selbst kann, sofern möglich, selbst darauf achten, dass Mitarbeiter und Besucher regelmäßig ihre Hände desinfizieren. Jeder Mitarbeiter bei uns im Haus ist dankbar für einen klaren Hinweis.

„Sauber“ ist natürlich im privaten Umfeld anders definiert als etwa in einer Klinik. Bei der Versorgung von kranken, abwehrgeschwächten Menschen kommt es vor allem darauf an, dass die Anzahl an Keimen auf den Händen deutlich reduziert wird. Das gelingt nur mit einem alkoholhaltigen Desinfektionsmittel, Seife reicht hier nicht aus. Eine gründliche Händedesinfektion in der Klinik dauert rund 30 Sekunden.

Für den Alltag wiederum genügt das Händewaschen, am besten mit lauwarmem Wasser und handelsüblicher ph-neutraler Flüssigseife. Denn auf Seifenstücken können sich bei häufigem Hautkontakt ebenfalls schnell Keime ansiedeln. Die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Dauer: Ideal ist es, wenn man während des Waschens zwei Mal – in normalem Tempo – den Song "Happy Birthday" singen konnte.

Zu diesem Thema gibt es verschiedene Zahlen. Aber laut der deutschen Krankenhausgesellschaft infizieren sich jährlich rund 600.000 Patienten in deutschen Krankenhäusern mit Erregern. Zwei Drittel dieser im Krankenhaus erworbenen (nosokomialen) Infektionen sind nicht vermeidbar - auch wenn bei der Hygiene in der Klinik alles richtig gemacht wurde. Denn diese Infektionen werden durch patienteneigene Erreger verursacht, z.B. bei Bauchinfektionen.

Aber das heißt auch: Rund ein Drittel der im Krankenhaus erworbenen Infektionen in Deutschland wären vermeidbar, wenn Hygieneregeln streng eingehalten würden.

Übrigens...

Um sich hier einem nationalen Vergleich zu stellen, sind die Helios Kliniken Teilnehmer des Krankenhaus-Infektions-Surveillance-Systems (KISS = Erfassung von nosokomialen Infektionen) des Nationalen Referenzzentrums für Surveillance von nosokomialen Infektionen (NRZ). Die Ergebnisse zeigen: Die Maßnahmen in unseren Kliniken greifen. Seit Einführung im Jahr 2008 eines deutschlandweiten, in allen Helios Kliniken einheitlichen Leitfadens der Krankenhaushygiene lag im Jahr 2013 der prozentuale Anteil der im Krankenhaus erworbenen MRSA-Fälle, bezogen auf alle MRSA-Fälle, 40 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt, also besser. Hier geht es zu den Hygienezahlen der Helios Krankenhäuser ...