Body Positivity: Der schwierige Weg zu sich selbst

Body Positivity: Der schwierige Weg zu sich selbst

Für immer mehr junge Menschen wird der Drang nach Schönheit zur Last. Wie sich das Körperempfinden von Kindern und Jugendlichen offenbart und welchen Einfluss das familiäre Umfeld und die Gesellschaft darauf haben, erläutert Dr. Matthias Grube, Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Helios Park-Klinikum Leipzig.

Die Botschaft ist unmissverständlich und überall zu hören: Makel sind nicht erwünscht. Mehr denn je ist das Aussehen eines Menschen entscheidender für seine Stellung in der Gruppe. Schönen Menschen öffnen sich die Türen, schöne Menschen schaffen den sozialen Aufstieg, wird in allen verfügbaren Medien suggeriert. Inklusive des Hinweises, dass es jeder selbst in der Hand hat, seinem Aussehen den gewünschten Glanz zu verleihen. Beispiele hierfür gibt es natürlich gleich mit dazu.

Dr. Matthias Grube

Doch gerade für Jugendliche, die sich in der Pubertät befinden, kommen diese Informationen nicht immer zu einer günstigen Zeit. „Die Pubertät ist eine wichtige Phase der Selbstfindung. Mehr denn je fragt man sich: Wer bin ich und wer werde ich“, erläutert Dr. Matthias Grube. Nicht selten empfinden Heranwachsende in dieser Etappe des Lebens ihre Eltern als „peinlich“. Was zur Folge haben kann, dass Schritte in der Erziehung, die bis hierher verpasst wurden, nun nicht mehr greifen. Dazu gehört auch der natürliche Umgang mit Nacktheit. „In vielen Familien ist sie leider keine Normalität. Was Jugendliche zum Teil darin bestärkt, sich für den eigenen Körper zu schämen”, betont der Oberarzt und Leiter der Jugendstation im Helios Park-Klinikum Leipzig.

Balance finden

Im Widerspruch zu dieser Scham steht das immer größere Angebot an Nacktheit im Netz. Viele Pornoseiten sind frei zugänglich, ohne jede Altersbeschränkung. Auf der Suche nach der eigenen sexuellen Identität ein fatales Tor, das hier offensteht. Inmitten eines Lebensabschnittes, in dem die Auseinandersetzung mit den Eltern ohnehin schwierig ist, birgt diese gesellschaftliche Entwicklung Zündstoff.

Suggeriert durch diese Bilder oder den Druck in der Gruppe, fällt es vor allem Mädchen schwer, die Balance zwischen Realität und Wunschdenken zu halten. „Ich denke, dass sich Mädchen wesentlich mehr Gedanken um ihr Äußeres machen als Jungs. Zugleich nimmt bei ihnen die ‚Zeigelust‘ zu“, betont Dr. Grube. Mit wenigen Klicks wandern Fotos ins Netz und finden damit Einlass in das ewig währende digitale Gedächtnis. Doch dieser Wettbewerb stellt neue Hürden auf, an denen nicht wenige scheitern. Zunehmend mehr Mädchen und junge Frauen halten dem Druck nicht stand. Ihre letzte Rettung ist die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik.

Gute Vorbilder sind wichtig

Um ihnen aus ihrer Krise zu helfen, empfehlen die Therapeuten vor allem körperbetonte Heilbehandlungen. „Sport lässt dich den eigenen Körper spüren. Er ist ein wirksames Antidepressivum“, sagt der Psychiater. Zumal auch hier das Netz unzählige Vorbilder bereithält, an denen man sich orientieren kann. Eine von ihnen ist die britische Abenteurerin Anna McNuff. Miese Laune ist für sie einzig eine Frage des Blickwinkels. „Wenn ich schlecht drauf bin, sage ich zu mir: ‚Bist du bescheuert, hier traurig rumzusitzen? Sei froh und dankbar, dass du überhaupt hier sein kannst!‘“

Gruppenzwang widerstehen

Sich dem Trend der Zeit entgegenzustellen, verlangt viel Mut. Keinen Alkohol trinken, keinen Joint rauchen, sich kein Tattoo stechen lassen, das ist nicht selbstverständlich. Es setzt voraus, dass es Vorbilder gibt, an denen sich die Jugendlichen auch in diesen Punkten orientieren können. Freunde, Verwandte, vor allem aber die Eltern können hier vieles bewirken. „Jugendliche probieren sich gern aus. Sie versuchen das Extreme auszuloten. Dagegen spricht nichts. Im Gegenteil. Für die weitere Entwicklung ist das wichtig. Daran hat sich seit Generationen nichts geändert. Ebenso bedeutsam ist es aber auch, die Grenzen seines Handelns zu kennen“, betont Dr. Matthias Grube.

Schule gibt guten Aufschluss

„Die Schule ist ein guter Indikator. Wer hier Ergebnisse erreicht, die seinen Fähigkeiten entsprechen, wer soziale Kontakte unterhält, eine gewisse Lebensfreude vermittelt und seinen Körper nicht zwanghaft verändert, ist auf einem guten Weg zum Erwachsenwerden.“

Das Erlernen des richtigen Umgangs mit der digitalen Welt ist heute gleichsam wichtig wie die traditionelle Vorbildwirkung der Eltern. Beides kann Wege ebenen, auf denen die Kinder und Jugendlichen zum Finden der eigenen Persönlichkeit unterwegs sind. „Wer zu seinen Kindern ein gutes und offenes Verhältnis pflegt, muss sich kaum Sorgen machen. Sie werden dann auch weiterhin den Rat der Erwachsenen suchen“, sagt Matthias Grube. Kritisch werde es, fügt er an, wenn schulische Leistungen scheinbar grundlos nachlassen.

Alle Infos über das Helios Park-Klinikum Leipzig

Das Helios Park-Klinikum Leipzig

Das Helios Park-Klinikum mit seiner über einhundertjährigen Geschichte ist fester Teil der Leipziger Gesundheitsversorgung. Mit unseren somatischen und psychiatrischen Kliniken bieten wir moderne Medizin für Körper und Seele.