Lebensmittelallergien: selten aber lebensgefährlich

Lebensmittelallergien: selten aber lebensgefährlich

Ob Eier, Nüsse oder Milchprodukte – Kinder und Erwachsene können auf Lebensmittel mit vielfältigen Unverträglichkeiten reagieren. Steckt eine Allergie dahinter, ist Vorsicht geboten. Dann besteht Lebensgefahr, die ärztlich abgeklärt und behandelt werden muss.

Wenn das Immunsystem auf völlig harmlose Bestandteile der Nahrung reagiert, sprechen wir von einer Lebensmittelallergie. Etwa vier Prozent der Kinder und drei Prozent der Erwachsenen leiden in Deutschland darunter. „Die Zahl der Neuerkrankungen steigt kontinuierlich an“, erklärt Franziska Meyer, Diplom-Ernährungswissenschaftlerin am Helios Park-Klinikum Leipzig. „Grund dafür sind einerseits die verbesserten Diagnoseverfahren, aber auch unsere veränderten Essgewohnheiten“, ergänzt sie. Neben einer kürzeren Stillzeit und einem frühen Einführen der Breikost bei Säuglingen sind hier die angebotenen exotischen Nahrungsmittel sowie die gern genutzten Fertig- und Tiefkühlprodukte aufzuführen.

Symptome einer Lebensmittelallergie erkennen

Rein medizinisch betrachtet, ist eine Allergie eine Überreaktion des Immunsystems auf – für Gesunde – ungefährliche Substanzen, die vom Körper als Fremdstoffe angesehen werden. Als Allergene werden dabei die die Allergie auslösenden Nahrungsbestandteile bezeichnet. Durch den Kontakt mit den Allergen bildet der Körper Abwehrstoffe (Immunglobuline), welche über das Blut und die Lymphgefäße ins Gewebe gelangen. Angebunden an Blutzellenrezeptoren werden Gewebshormone (z.B. Histamin) freigesetzt, die wiederum für die Allergiesymptome des Körpers verantwortlich sind. Histamin beispielsweise verursacht Hautrötungen, Luftröhrenverengungen und Schwellungen. Vor allem die Schleimhäute neigen zu allergischen Reaktionen, wie eine laufende Nase, tränende Augen oder Juckreiz.

Zwischen der Sensibilisierung des Immunsystems (also Erstkontakt mit Allergen) und dem Auftreten der ersten Symptome können mehrere Jahre vergehen. „Kinder und Erwachsene reagieren häufig auf unterschiedliche Lebensmittel allergisch“, weiß die Ernährungswissenschaftlerin.

Während bei Säuglingen vor allem Kuhmilch, Ei und Soja eine Überreaktion des Immunsystems hervorrufen, sind es im Kindesalter Nüsse, Getreide und Fisch. Bei Erwachsenen wiederum sind die häufigsten Allergieauslöser Getreide, Ei, Fisch, Nüsse, Milch, Gewürze, Obst und Gemüse.

Franziska Meyer, Diplom-Ernährungswissenschaftlerin am Helios Park-Klinikum Leipzig

Allergien, die in den ersten drei Lebensjahren auftreten, verschwinden oftmals im Schulalter wieder. Allergien, die erst im Erwachsenenalter auftreten, begleiten den Betroffenen in der Regel sein weiteres Leben.

Schon gewusst?

Längst ist wissenschaftlich bewiesen, dass Allergien auch genetisch bedingt sein können. Sind die Eltern betroffen, so steigt auch das Allergie-Risiko des Kindes. Die Tabelle zeigt das Risiko.

Allergie Ja/Nein Allergierisiko
Kein Elternteil 15 %
Ein Geschwisterkind 25 - 35 %
Ein Elternteil 20 - 40 % 
Beide Eltern 50 - 60 %
Beide Eltern allergisch mit gleicher Allergie 60 - 80 %

 

frühzeitig Allergie-Diagnose stellen

„Die schwerste Ausprägung der allergischen Reaktion ist der anaphylaktische Schock. Dieser kann zum Versagen des Herz-Kreislauf-Systems führen, so dass hier akute Lebensgefahr besteht“, erläutert Franziska Meyer. Besteht also der Verdacht auf eine Lebensmittelallergie sollte das ärztlich abgeklärt werden. Dazu gibt es zwei Verfahren, die oftmals auch in Kombination Anwendung finden.

Der Name des Tests leitet sich von Pricken, also Einritzen, ab. Es werden Allergenextrakte auf die aufgeritzte Haut aufgetragen. Sie ziehen in die oberste Hautschicht ein und lösen eine leichte allergische Reaktion (Rötung) aus. Damit ist erkennbar, in welchen Lebensmittelgruppen mit Sensibilisierungen zu rechnen ist.

Um festzustellen, welche einzelnen Lebensmittel der definierten Gruppe eine Allergie hervorrufen, werden in einem sich anschließenden Prick-zu-Prick-Test diese in nativer Form auf die Haut gebracht und geprickt.

Um die Allergene zu identifizieren, bei denen eine hohe Sensibilisierung vorliegt, wird im Labor der sogenannte Gesamt-IgE-Wert, also der Immunglobuline-Wert, im Blut bestimmt.

Allergene müssen ausgeschrieben werden

In Deutschland gilt eine umfängliche Lebensmittelkennzeichnungsverordnung, die auch die Kennzeichnung von nahrungsmittelallergieauslösenden Zutaten vorschreibt. Anwendung findet diese nicht nur für verpackte Lebensmittel, sondern auch für frische und zubereitete Produkte.

Allergisch gegen

„Auf welches Lebensmittel der Betroffene allergisch reagiert, ist ganz verschieden und kann sich im Laufe des Lebens auch ändern“, erläutert die Ernährungswissenschaftlerin. Zu den häufigsten Formen einer Lebensmittelallergie zählen:

  • Milchallergie
    Sie tritt vor allem im Säuglings-/Kleinkindalter auf und ist von einer Laktoseintoleranz abzugrenzen. Ausschlaggebend ist das Milcheiweiß. Je nach Allergieausprägung vertragen die Patient:innen die Milch einer Tierart oder sogar alle Milchformen nicht.
  • Eiallergie
    Diese Allergie kann sich auf Hühnereier (zumeist das Eiklar) aber auch auf die Eier anderer Tiere erstrecken. Oft spielt dabei die Portionsgröße und die Darreichungsform (gebraten oder gekocht) eine Rolle.
  • Fischallergie
    Eine Fischallergie umfasst auch alle Fischerzeugnisse. Die enthaltenen Allergene sind äußerst hitzestabil und können selbst beim Garen nicht inaktiviert werden.
  • Weizenallergie
    Dabei antwortet das Immunsystem auf das Eiweiß im Weizen. Andere Getreidesorten können, müssen aber nicht eingeschlossen sein. Da die Eiweißbestandteile dicht unter der Schale des Getreidekorns liegen, werden sie beim Schälen zu großen Teilen entfernt. Mehl mit einer niedrigen Typenzahl beinhaltet wenig Schalenteile, trägt aber auch den geringsten Nährstoffgehalt.

Weniger verbreitet und dennoch mit den gleichen Symptomen – bis hin zum anaphylaktische Schock – sind allergische Reaktionen auf:

  • Erdnüsse
  • Krebstiere
  • Lupinen
  • Schalenfrüchte, wie Mandeln, Wallnüsse, Pistazien etc.
  • Schwefeldioxid und Sulfite
  • Sellerie
  • Senf
  • Sesamsamen
  • Sojabohnen
  • Weichtiere

Pollenassoziierte Nahrungsmittelallergie

Im engen Zusammenhang mit einer Lebensmittelallergie steht die pollenassoziierten Form der Nahrungsmittelallergie. Sie tritt zumeist dann auf, wenn eine besonders hohe Sensibilisierung auf Birken-, Beifuß oder auch Gräserpollen besteht. Es treten Unverträglichkeitsreaktionen nach dem Genuss von bestimmten pflanzlichen Nahrungsmitteln auf. „Typische Symptome können Brennen und Juckreiz am Gaumen, Magen-/Darmbeschwerden sowie Quaddelbildung oder Haut- und Schleimhautschwellungen, Bindehautentzündung und Asthma sein“, beschreibt die Ernährungswissenschaftlerin. Die am häufigsten diagnostizierten pollenassoziierten Nahrungsmittelallergien sind das Birkenpollen-Nuss-Kernobst-Syndrom und das Beifuß-Sellerie-Gewürz-Syndrom.

Kreuzreaktive Nahrungsmittelallergene

Unter folgenden Link findet sich eine Liste der Kreuzreaktive Nahrungsmittelallergene zum Herunterladen:

Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind keine Allergien

Bei ihrer täglichen Arbeit trifft Franziska Meyer häufig auch auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten.

Diese Intoleranzen sind keine Allergien im engeren Sinne. Sie entstehen nicht durch eine Überreaktion des Immunsystems, sondern durch die Bestandteile der Nahrungsmittel,

sagt Franziska Meyer.

Betroffene können oftmals – im Gegensatz zu Allergikern – kleine Mengen ohne Beschwerden vertragen.

Die wohl bekannteste Nahrungsmittelintoleranz betrifft Laktose, also Milchzucker. Dieser kann im Darm nicht gespaltet werden und vergort dort, was zu Blähungen und Durchfall führt. Nicht ganz so häufig, aber in Mitteleuropa dennoch sehr stark verbreitet, ist die Fruktoseintoleranz. Fruktose ist in Früchten ebenso wie im herkömmlichen Haushaltszucker enthalten und kann hier zu Unterzuckerung, Blutgerinnungsstörungen oder sogar zum Schock führen. Rund 1 % der Weltbevölkerung leiden unter einer Histaminintoleranz. Als körpereigene Substanz ist die zusätzliche Zufuhr, z.B. durch histaminhaltigen Nahrungsmitteln, problematisch. Die Symptome reichen von Husten, Kopf- und Bauchschmerzen über Ausschläge und Schwindel bis hin zu niedrigem Blutdruck sowie Herzrhythmusstörungen.

Egal, ob Nahrungsmittelallergie oder Nahrungsmittelunverträglichkeit aus ernährungswissenschaftlicher Sicht empfiehlt Franziska Meyer allen Betroffenen:

Wer einen Verdacht auf eine Allergie hat, sollte dies ärztlich abklären lassen. Heute stehen neben modernen Diagnoseverfahren auch vielfältige Therapieformen inkl. Hyposensibilisierung zur Verfügung. Neben einer bewussten Ernährung helfen sie Beschwerden zu lindern oder ganz zu vermeiden.