Erste Hilfe bei kleinen Kindern

Erste Hilfe bei kleinen Kindern

Hamburg

Eine Sekunde lässt man sein Kind aus den Augen und schon ist ein Unglück passiert: Verbrüht, die Treppe heruntergefallen, etwas Giftiges oder einen Fremdkörper verschluckt. Was kann ich tun, wenn so etwas passiert? Und wann muss ich zum Arzt? Unsere Kinderchirurgin Dr. med. Annika Steinbrink und Kinderärztin Dr. med. Caroline Schmitt geben Tipps zur Soforthilfe von A wie Atemnot bis V wie Vergiftung.

Atemnot

Kleine Kinder sind neugierig und untersuchen alle Gegenstände, die sie finden – auch mit dem Mund. Das kann schnell gefährlich werden. Atemschwierigkeiten sind der häufigste Grund, warum Kinder zu uns in die Notaufnahme kommen. Und das ist auch gut so – denn schnelle Hilfe ist jetzt überlebenswichtig. Gelangt ein Fremdkörper in die Atemwege reagiert ein Kind unverzüglich mit Husten und versucht, das Objekt auszustoßen. Es treten plötzliche Atemnot, Würgen oder ein Pfeifen bei der Atmung auf. Wenn das Kind würgt, aber immer noch husten kann, dann sollte es weiter husten – das ist immer noch die beste Methode, die Atemwege zu befreien. Bleibt das Husten aus oder wird weniger und der Fremdkörper verschließt die Atemwege komplett, kann es rasch zu einem Schock und Ohnmacht führen, da kein oder zu wenig Sauerstoff in das Gehirn gelangt. Euer Kind ist dann in akuter Lebensgefahr!

Ist das der Fall, dürft Ihr euer Kind nicht beatmen, solange der verschluckte Fremdkörper sich noch in den Atemwegen befindet. Euer Kind sollte dann kräftig husten, damit der Fremdkörper sich löst. Wenn der Fremdkörper feststeckt und Ihr ihn sehen könnt, dann versucht ruhig ihn zu entfernen. Probiert das aber bitte nur einmal, denn es besteht die Gefahr, dass der Gegenstand verrutscht und die Luftnot noch verschlimmert wird.

Tipps für den Notfall: Sollte der Fremdkörper sich dadurch nicht gelöst haben, gibt es zwei Handgriffe, die ihr kennen solltet:

Beim Säugling: Brustkorbkompressionen

Legt Euer Kind mit dem Bauch über die eigenen Oberschenkel, sodass der Kopf und die Arme herunterhängen, anschließend mit der flachen Hand mehrfach kräftig zwischen die Schulterblätter schlagen, damit der Gegenstand wieder herausgespuckt wird.

Beim Kind: Bauchkompressionen (Heimlich-Griff)

Dazu wird das Kind von hinten umfasst und die eigene geballte Faust knapp unterhalb des Brustkorbs in die Magengrube gelegt. Dann wird mit den Händen ruckartig nach innen oben gedrückt. Durch den aufgebauten Druck sollte sich der Gegenstand lösen.
Sitz der Fremdkörper immer noch fest, wählt bitte sofort den Notruf (112). Atmet das Kind nicht, solltet Ihr sofort mit der Wiederbelebung beginnen.

Sitz der Fremdkörper immer noch fest, wählt bitte sofort den Notruf (112). Atmet das Kind nicht, solltet Ihr sofort mit der Wiederbelebung beginnen.

Badeunfall

Die traurigen Meldungen über tödliche Badeunfälle nehmen vor allem im Sommer zu. Dabei kann solch ein Unfall, wenn Ersthelfer schnell eingreifen, oftmals noch gut ausgehen. Ist das Kind weniger als 10 Minuten unter Wasser und dauert die Reanimation nicht länger als ca. 25 Minuten, besteht die Chance, dass es ohne neurologische Schäden überlebt. Deshalb werden Kinder in der Regel deutlich länger als Erwachsene wiederbelebt.

Fieberkrämpfe

Zwischen dem zweiten Lebensmonat und dem fünften Lebensjahr kann es passieren, dass Euer Kind einen Fieberkrampf hat. Das kann auf Euch sehr bedrohlich wirken. Die meisten Anfälle hören aber schon nach wenigen Minuten von selbst auf. Wichtig ist zu wissen, dass bei einem einfachen Fieberkrampf (bis 15 Minuten) keine Gehirnzellen geschädigt werden.

Ein Krampfanfall – egal ob kurz oder lang – sollte aber immer von einem Kinderarzt abgeklärt werden. Hilfreich für den Arzt ist es, wenn Ihr darauf achtet, wie lange der Anfall dauerte und wohin die Augen des Kindes verdreht waren.

Erste-Hilfe-Maßnahme für zu Hause

  • Beruhigt das Kind
  • Achtet darauf, dass es sich nicht verletzten kann
  • Sind die Krämpfe vorbei, bringt das Kind in die stabile Seitenlage (Kinder unter 2 Jahren auf den Bauch)
  • Ruft den Notarzt
  • Beobachtet die Atmung und greift ein, sollte sie aussetzten

Fremdkörper verschluckt

Ihr kennt das ganz sicher: Kleine Kinder stecken alles in den Mund – auch Gegenstände, die dort nicht hingehören, wie etwa Knopfzellbatterien einer Fernbedienung. Wenn so eine Batterie verschluckt wurde, muss das Kind sofort in einer Kinderklinik ärztlich untersucht werden. Am besten ruft ihr sofort den Rettungsdienst. Denn Batterien geben Strom ab und können schwere innere Verletzungen erzeugen. Doch auch andere Fremdkörper, die von Kindern verschluckt wurden, müssen unter Umständen entfernt werden. Deshalb sollte auch hier ein Arzt aufgesucht werden.

Treppensturz

Kurz nicht aufgepasst und schon ist Dein kleiner Schützling die Treppe heruntergefallen. Wenn Dein Kind gestürzt ist oder sich den Kopf gestoßen hat, solltet Ihr es genau beobachten. Hat es Schmerzen, blutet es stark oder hat es Schwellungen? Doch auch wenn zunächst alles harmlos erscheint, sollte man weiterhin auf Anzeichen, wie Übelkeit, Erinnerungslücken und Wesensveränderung achten. Im Zweifelsfall lieber einmal zu viel den Kinderarzt konsultieren, ins Krankenhaus fahren oder den Rettungswagen rufen, denn Stürze können zu schweren Verletzungen, wie z.B. Gehirnerschütterung oder Hirnblutungen führen.

Verbrennungen

Laut Statistik erleiden am häufigsten Kleinkinder im Alter zwischen zwei und sechs Jahren Brandverletzungen. Der Entdeckungsdrang ist in dieser Altersgruppe groß, jedoch können die Kleinen die Gefahren noch nicht richtig einschätzen. Dann kommt es schnell dazu, dass Kinder in die Kerze oder an den Herd fassen und sich verbrennen.

Brennt die Kleidung, muss das Feuer, zum Beispiel mit Wasser, einer dicken Decke oder Wälzen auf dem Boden gelöscht werden. Wenn Ihr einen Feuerlöscher benutzt, dürft Ihr diesen auf keinen Fall Richtung Gesicht (Atemwege!) Eures Kindes halten. Die verbrannte Kleidung am Körper lassen, denn es besteht die Gefahr, dass diese beim Entfernen auch Haut abziehen würde. Die betroffene Stelle sollte sofort gekühlt werden – am besten fünf bis zehn Minuten lang unter kühles bis lauwarmes Wasser (15-18 °C) halten. Dann ruft ihr den Rettungsdienst. Gerade bei kleinen Kindern, sollte sich immer ein Arzt die Verbrennung anschauen, denn ihre Haut ist noch besonders dünn.

Brandblasen nicht öffnen! Hat das Kind Brandverletzungen im Gesicht, könnte es sein, dass es Rauch eingeatmet hat. In dem Fall besteht die Gefahr einer Atemnot durch anschwellende Schleimhäute. Das Kind sollte aufrecht hingesetzt werden, um ihm die Atmung zu erleichtern, Brandwunden im Gesicht werden nicht abgedeckt.

Verbrühung

Euer kleiner Lieblingsmensch zieht die Tasse Tee vom Tisch. Heißes Wasser läuft über seinen Arm. Das ist ein häufiger Unfall bei Kindern unter vier Jahren. Auch zu heißes Wasser beim Baden oder Duschen kann die Ursache von Verbrennungen sein. Sofortmaßnahmen sind dann: Entfernen der nassen Kleidung – Kühlen – 112 wählen.

Bei Verbrühungen müsst Ihr die Kleidung rasch, aber vorsichtig entfernen (eventuell mit der Schere aufschneiden statt über den Kopf ziehen). Das gilt aber nicht für eingebrannte Kleidung – die muss durch den Kinderarzt entfernt werden. Damit vor allem Babys und kleine Kinder nicht so schnell auskühlen, sollten sie mit einer leichten Decke abgedeckt und beruhigt werden. Auch bei einer Verbrühung sollte die betroffene Stelle sofort gekühlt werden. Nach dem Kühlen kann die Wunde mit einer sterilen Kompresse aus dem Verbandkasten locker bedeckt werden.

Vergiftung

Wenn Kleinkinder ihre Umwelt entdecken, ist nichts vor ihren neugierigen Blicken und Händchen sicher – auch nicht das Reinigungsmittel im Küchenregal. Manchmal merkt Ihr auch im ersten Moment gar nicht, dass etwas passiert ist. Eure Kinder fühlen sich dann plötzlich unwohl, erbrechen oder werden ganz müde. Kinder vergiften sich aus Neugier und Unwissenheit. Die häufigsten Vergiftungen bei Kindern sind Vergiftungen mit Reinigungsmitteln, Medikamente und Giftpflanzen. Viele Vergiftungen verlaufen zunächst symptomfrei. Manche Giftpflanzen rufen sogar erst nach 24 Stunden Auffälligkeiten hervor.

Bei Verdacht auf eine Vergiftung sollte Ihr sofort den Rettungsdienst rufen. Bis der Arzt eintrifft, heißt es, Ruhe bewahren und sich ums Kind kümmern. Zusätzlich könnt ihr schon mal den Giftnotruf anrufen – (0551) 19240 – und Euch erste Anweisungen geben lassen. Ist Euer Kind bewusstlos, dann bringt es am besten in die stabile Seitenlage und deckt es zu. Falls das Kleine nicht atmet, müsst Ihr sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen.

Ihr dürft aber auf keinen Fall ein Erbrechen auslösen. Denn ätzende Stoffe könnten beispielsweise die Schleimhäute der Speiseröhre nachhaltig schädigen oder Erbrochenes könnte eingeatmet werden – hier droht Erstickung!

Dein Kind darf bei einer Vergiftung nichts zu trinken bekommen, weder Wasser noch Milch! Ausnahme: Der Arzt oder die Experten der Giftnotrufzentrale haben es empfohlen.

Im Fall, dass Euer Kind schäumende Substanzen (Spül- oder Waschmittel, Shampoo) getrunken hat, dürft Ihr ihm einen "Entschäumer" geben – es sei denn, die Experten des Giftnotrufs haben etwas anderes empfohlen. Das Mittel verhindert, dass sich Schaum bildet, der aus der Speiseröhre in die Luftröhre gelangt und dort Atemnot auslöst.

Vorhandene Giftreste oder die Verpackung solltet ihr sicherstellen. Auch von eventuellem Erbrochenem solltet Ihr eine kleine Menge aufgehen und dem Notarzt mitgegeben. Aus dem Mageninhalt kann oft die Substanz, zum Beispiel ein Medikament oder eine Pflanze, bestimmt werden, die Euer Kind vergiftet hat.

Wunden

Weil sich kleine Kinder viel bewegen und sich ausprobieren, sind Verletzungen und Brüche vorprogrammiert. Bei kleineren Wehwehchen hilft dann oft schon ein schnelles Trösten, denn der Schreck ist meist größer als der Schmerz. Schürf- und Schnittwunden tun Kindern weh, sind aber in den meisten Fällen harmlos. Sie verheilen oft schnell und auch Narben bleiben meist nicht zurück. Trotzdem solltet Ihr darauf achten, dass die Wunden sauber verheilen, um Entzündungen zu vermeiden.

Dafür dürft ihr die Wunde nicht berühren und möglichst auch nicht auswaschen. Ausnahme: Bei Schürfwunden, die keiner ärztlichen Versorgung bedürfen, aber z. B. durch einen Sturz mit Sand, Erde oder Kies verunreinigt sind, kann der Schmutz unter fließendem Wasser abgespült werden.
Kleinere Wunden könnt ihr einfach desinfizieren, und anschließend mit einer Wundsalbe eincremen und mit einem Pflaster oder Wundschnellverband keimfrei abdecken. Größere Wunden, die ärztlich versorgt werden müssen, desinfiziert ihr besser nicht.

Sollte die Wunde stark bluten, legt Ihr einen Druckverband an. Steckt ein Fremdkörper in der Wunde, bitte nicht entfernen, denn das Herausziehen kann die Blutung noch verstärken. Splitter dürft ihr natürlich entfernen.

Und überlegt bei jeder Wunde, ob Euer Kind vollständig gegen Tetanus geimpft ist. Sollte das nicht der Fall sein, müsst Ihr das Kind unbedingt einem Arzt vorstellen.

Wann muss Dein Kind zum Arzt?

  • Bei stark blutenden Wunden
  • Bei verschmutzten Wunden, Bisswunden oder Wunden mit Fremdkörper (z. B. Glassplitter, Nagel)
  • Bei fehlendem Tetanusschutz
  • Bei Wunden über einem Zentimeter Länge
  • Bei Wunden im Gesicht
  • Bei Wunden, die sich infiziert haben