"So viele Betten wären nicht nötig gewesen"

Helios-Health-Chef Francesco De Meo wehrt sich gegen den Vorwurf, Kliniken hätten bei den Intensivplätzen getrickst. Er räumt aber ein, dass die Kapazitäten zu stark erhöht wurden. Das sei allerdings nicht die Schuld der Krankenhäuser.

Als Chef von Helios Health ist Francesco De Meo Herr über 89 Kliniken. Kürzlich wurde der Manager selbst zum Patienten: Nach der Erstimpfung gegen Covid entwickelte der 57-Jährige eine Embolie und landete auf der Intensivstation.

Im Interview erzählt er, ob er sich erneut impfen lassen wird - und erklärt, was ihn an der Debatte über fehlende Intensivbetten in Deutschland besonders stört.

WELT AM SONNTAG:

Ihnen ging es nach der ersten Covid-Impfung nicht gut. Wie haben Sie gemerkt, dass es etwas Ernstes ist?

Francesco De Meo:

Das habe nicht ich gemerkt, sondern meine Frau. Ich habe einfach gedacht, ich hätte mir einen grippalen Infekt eingefangen. Dabei lag der Husten an einem Blutgerinnsel in der Lunge. Meine Frau hat zum Glück geschaltet und mich überredet, in die Klinik zu fahren.

Dann verzichten Sie künftig auf eine Covid-Impfung?

Auf keinen Fall. Es ist wichtig, sich impfen zu lassen. Leider muss ich den Impfzyklus von Neuem beginnen, es ist zu viel Zeit zur Zweitimpfung verstrichen. Aber das lässt sich regeln.

Der Bund hat in der Pandemie viel Geld ausgegeben für mehr Intensivbetten. Nur weiß niemand, wo die sind. Können Sie das erklären?

Ja, das kann ich erklären: Auch wir haben zusätzliche Intensivbetten geschaffen und alle auch gemeldet. Die Frage ist doch eher, ob Deutschland im internationalen Vergleich nicht sogar viel zu viele hat. Im Nachhinein betrachtet, wären so viele Betten zusätzlich wohl nicht nötig gewesen.

Wie viele sind denn zu viel?

Das lässt sich schwer beziffern. Fakt ist, man wollte um jeden Preis ein zweites Bergamo verhindern, und das war ja auch ein wichtiges Anliegen. Deshalb wurden Monitore und Beatmungsgeräte angeschafft und zusätzliche Intensivstationen eingerichtet. Es konnte ja niemand ahnen, dass die erste Welle dann so klein werden würde. Und zur Wahrheit gehört auch, dass wir zwar viele Intensivbetten haben, aber noch nicht gut darin sind, Krankenhäuser zu vernetzen. Dann nämlich könnte man die vorhandenen Kapazitäten viel besser nutzen, anstatt zusätzliche aufzubauen.

Kritisiert wird vor allem, dass womöglich mehr Betten abgerechnet als geschaffen wurden.

Ich kann da nur für unsere Häuser sprechen. Die Länder haben jeden unserer Förderanträge überprüft und genehmigt. Wir haben alle Bescheide da. Es ist irritierend, dass die Kliniken jetzt im Nachhinein kritisiert werden, dass sie wunschgemäß Kapazitäten aufgebaut und dafür das versprochene Geld erhalten haben. Deutschland sollte stolz sein auf die Kliniken, statt ihnen Betrug vorzuwerfen.

Die Erlöse der Kliniken sind um 14 Prozent gestiegen, obwohl deutlich weniger Patienten behandelt wurden. Der GKV-Spitzenverband spricht vom "goldenen Jahr" für Krankenhäuser. Finden Sie nicht, dass das merkwürdig wirkt?

Die Kliniken haben sich das nicht ausgesucht. Wir mussten so viele elektive Patienten abweisen wie nie zuvor, weil wir die Kapazitäten für Corona frei halten sollten. Uns das jetzt vorzuwerfen ist extrem schäbig. Es sind auf den Stationen wegen Covid-19 so viele Menschen gestorben wie noch nie. Unsere Mitarbeiter haben harte Monate hinter sich, es war emotional sehr schwierig. Und dann kommt ein Krankenkassen-Verband und sagt, das ist das goldene Jahr für die Krankenhäuser? Das ist beschämend.

Dennoch: War es sinnvoll, das Geld mit der Gießkanne auszuschütten?

Ich habe frühzeitig gesagt, dass die Kliniken nur eine Woche brauchen, um von Normal auf Intensivbetrieb umzustellen. Es wäre also gar nicht nötig gewesen, alle elektiven Operationen zu verschieben. Zumal das vielen Patienten sehr geschadet hat. Nur wollt das niemand hören. Alle haben ständig auf die Daten aus dem Divi-Melderegister geschaut, dabei war anfangs nicht mal klar, was überhaupt als Intensivbett gezählt wird. Und dann stellt man plötzlich fest: Für all die gemeldeten Betten gibt es dauerhaft gar nicht genug Personal.

War das Divi-Melderegister also der falsche Maßstab?

Es ist zumindest ungewöhnlich, eine Intensivbettenplanung auf Grundlage eines bis dahin eher wissenschaftlich genutzten Melderegisters zu betreiben und nicht anhand der ständig verfügbaren Routinedaten der Kliniken. Aber zeitweise hat die nackte Angst regiert, da agiert man nicht immer rational. Natürlich gab es Phasen in der zweiten und dritten Welle, da war die Lage an manchen Orten angespannt. Aber in anderen Regionen gab es gar keine Engpässe wegen Corona. Unterm Strich waren wir in unseren Kliniken während der Pandemie zu keinem Zeitpunkt im Überlastbereich.

Sie haben schon in der zweiten Welle gepostet, die Lage sei nicht so schlimm. Wie war das Echo?

Das war teilweise schon heftig. Man landet sofort in der Ecke der Coronaleugner. Dabei liegt mir das fern. Man muss zwei Dinge auseinanderhalten: Die Krankheit ist da, sie ist schlimm, und das haben viele Ärzte und Pflegekräfte hautnah miterlebt. Aber für das Gesundheitssystem war es eben auch nicht so dramatisch, wie das mitunter diskutiert wurde. Deutschland hat über 90.000 Tote durch Corona zu beklagen. Das ist selbst für ein Land dieser Größe eine sehr hohe Zahl, und jeder einzelne Fall ist tragisch. Das Gesundheitswesen ist mit den 400.000 stationären Covid-Fällen aber gut fertiggeworden. Nur wird darüber so differenziert nicht diskutiert.

Was macht Ihnen mehr Sorgen: die nächste Welle - oder dass es der Politik schwerfällt, wieder zu lockern?

Die Abläufe sind erprobt, wir sind gerüstet - egal, welche Variante uns nun heimsuchen wird. Viel mehr Sorgen macht mir das, was 2020 auf der Strecke geblieben ist: die Kinder, denen wir viel zugemutet haben. Die Wirtschaftlichkeit im Gesundheitssektor, denn es wurden enorme Schulden angehäuft. Und die Bereitschaft, offen zu sagen, was man denkt. Wir müssen endlich aufhören, nur über die Inzidenzen zu diskutieren, sondern das gesamte Bild betrachten. Dafür brauchen wir andere Bewertungsmaßstäbe und, ehrlich gesagt, auch andere wissenschaftliche Ansätze. Dann wird Corona ähnlich wie eine Grippewelle sein: gut in den Griff zu bekommen.

Nun streicht Helios Arztstellen. Ist das der Dank eines privaten Klinikkonzerns an die Belegschaft?

Moment, es geht ja gar nicht um Stellenstreichungen, sondern um eine Anpassung des Stellenplans.

Faktisch reduzieren Sie die Zahl der Mitarbeiter im ärztlichen Dienst. Bei der Pflege geht das nicht mehr, also sparen Sie nun bei den Ärzten?

Es geht nicht ums Sparen. Sondern darum, die Strukturen sinnvoll an das Patientenaufkommen anzupassen. Wenn Sie weniger Brötchen verkaufen, weil die Leute weniger Brötchen essen, passen Sie die Ressourcen an. Das gilt bei uns genauso. Pro Klinik betrifft das im Durchschnitt drei Arztstellen.

Ganz schön viel.

Eben nicht, bei insgesamt knapp 10.000 Arztstellen in unseren 89 Kliniken. Zumal wir in den ersten Monaten des Jahres 20 Prozent weniger Patienten hatten als vor Corona. Und die kommen auch nicht alle zurück. Wir werden künftig fünf bis sieben Prozent weniger Patienten haben als vor der Pandemie. Etwa weil immer mehr Behandlungen ambulant stattfinden. Genau deshalb bauen wir den ambulanten Bereich kräftig aus.

Und bis dahin peppen Sie mit Einsparungen die Dividende auf?

Sie spielen auf die Kritik des Marburger Bundes an. Aber das ist völliger Quatsch, denn das eine hat mit dem anderen gar nichts zu tun. Helios ist einer von vier Teilbereichen des Konzerns. Wir tragen gerade ein Fünftel zum gesamten Vorsteuergewinn bei. Wir zahlen Steuern, Zinsen, und ja, ein Teil unseres Gewinns geht als Dividende auch an die Fresenius Aktionäre. Auf der anderen Seite investiert Helios pro Tag eine Million Euro aus eigener Tasche in die deutschen Kliniken, knapp 360 Millionen im Jahr.

Fresenius-Chef Stephan Sturm hat angedeutet, dass der Konzern sich aufspalten könnte. Wie weit sind Sie mit Ihren Überlegungen?

Wir überlegen.

Das tun Sie schon ziemlich lange.

Es ist ja auch eine wichtige Entscheidung. Dafür braucht es Zeit, und die nehmen wir uns auch. Zumal für uns zunächst im Fokus steht, dass wir die angekündigten Effizienz- und Wachstumsinitiativen umsetzen.

Können Sie sich Helios Health auch komplett eigenständig vorstellen?

Wir können uns alles vorstellen, was dazu beiträgt, dass die Unternehmen bestens aufgestellt sind. Wir fühlen uns bei Fresenius wohl. Helios hat sich Fresenius 2005 als strategischen Partner ausgesucht. Und partnerschaftlich entscheiden wir auch über wichtige Weichenstellungen. Entscheidend ist aber die Frage, wie sich Fresenius künftig aufstellt. CEO Stephan Sturm wird das zu gegebener Zeit verkünden. Anfang nächsten Jahres sollten wir dazu schon ein klareres Bild haben.

Sie sind Vater von neun Kindern, das zehnte ist unterwegs. Wie haben Sie die Zeit mit Homeoffice und Homeschooling erlebt?

Es war spannend. Wir Eltern wissen jetzt mehr über unsere Kinder, aber unsere Kinder weniger über die Schule. Es fällt leider auf, dass die Kinder immer wieder die Leidtragenden sind, nicht nur in der Pandemie. Wer je mit seinem kranken Kind auf der Suche nach der richtigen Diagnose war, weiß, wovon ich spreche.

Sie meinen, weil es oft keine richtige Anlaufstelle gibt? Das könnten Sie mit Ihren Kliniken ja ändern.

Das haben wir tatsächlich vor, allerdings nicht allein, sondern als übergreifendes Projekt. Es kann sich also jeder beteiligen. Im Moment befragen wir Eltern und ihre Kinder, was sie sich überhaupt an ärztlicher Versorgung wünschen. Nach den Wahlen wollen wir damit auf die Politik zugehen. Es soll sich endlich was bewegen, auch wenn wir damit sogar Geld verlieren werden, weil man natürlich eine stationäre Versorgung viel besser abrechnen kann als eine ambulante.

Helios, der Samariterkonzern. Sie erwarten jetzt nicht, dass ich Ihnen das abkaufe, oder?

Der erste Reflex ist natürlich: Jetzt kommt dieser Konzern und will sich auch noch dieses Geschäft schnappen. Aber darum geht es nicht. Natürlich mache ich lieber Gewinne als Verluste, keine Frage. Aber grundsätzlich geht es darum, mit dem Geld sorgfältiger umzugehen. Sonst fährt unser Gesundheitssystem an die Wand. Das kann niemand wollen.

Was halten Sie dann vom Vorschlag von Josef Hecken, dem Chef der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen, 700 Kliniken zu schließen?

Pauschal zu sagen, 700 Kliniken sind zu viel und müssen weg - das verschreckt die Menschen. Noch dazu nach so einem Jahr. Wer soll das verstehen? Richtig ist aber, dass wir uns künftig anders organisieren müssen. Es wird dann sicher weniger Krankenhäuser geben. Aber es sollte kein Haus geschlossen werden, ohne dass eine vernünftige Alternative da ist. Vielerorts wird das die ambulante und digitale Medizin sein, insbesondere auch die Telemedizin. Aber dort, wo es kaum niedergelassene Ärzte gibt, wird es natürlich weiterhin das kleine Krankenhaus vor Ort geben. Auch da wäre es also schön, wenn wir in Deutschland mal differenzierter diskutieren könnten. Und zwar auf Basis von Fakten, nicht von Angst.

 

Von Anja Ettel

WELT am SONNTAG vom 25.07.2021 - Seite 30 WIRTSCHAFT

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