"Das größte Manko war das Versagen der Politik beim Impfen"

Die aktuellen Zahlen und Daten der Corona-Pandemie sind auch immer eine Sache der Perspektive. Im Interview mit der FAZ lesen Sie meine.

Helios ist mit knapp 90 Kliniken die größte deutsche Krankenhauskette.
Wie sehr hat die Corona-Seuche die Kliniken und vor allem die Intensivstationen im Griff?

Die Fallzahlen liegen derzeit insgesamt noch unter dem, was wir in der zweiten Welle im Winter bewältigt haben. Wir haben rund 15 000 Patienten ohne Covid-19 auf Normalstationen, dazu kommen 755 mit Covid-19. Auf den Intensivstationen unserer Kliniken werden knapp 1150 Patienten ohne und 327 mit Covid-19 behandelt. Wirklich dramatisch ist die Lage derzeit also nicht, auch wenn vor allem unsere großen Krankenhäuser jetzt wieder sehr viele Covid-Patienten behandeln.

Wie kommt dann der Intensivmedizinerverband Divi dazu, vor dem bevorstehenden Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu warnen?

Wir stützen uns auf dieselben Fakten, aber man kann sie eben unterschiedlich bewerten. Wir kennen das Krankenhausgeschehen generell und in allen Facetten, und das nicht erst seit Beginn dieser Pandemie. Unsere professionelle Wahrnehmung ist: Es gab immer schon volle Intensivstationen, das ist nichts Neues. Wir sehen, dass es gut funktioniert, Patienten auf Krankenhäuser mit freien Kapazitäten zu verlegen, womit die Schlagkraft unseres Gesundheitssystems steht und fällt. Es gibt in Deutschland relativ große Intensivkapazitäten, und wir verlegen Patienten vergleichsweise schnell auf die Intensivstation.

Weil schwere Fälle nur dort medizinisch richtig gut versorgt werden?

Da ist es für eine abschließende Bewertung zu früh. Was wir aus Spanien wissen, wo wir rund 40 Krankenhäuser betreiben: Dort gibt es in etwa so viele Corona-Infektionen wie in Deutschland, auch die Gesamtzahl der Krankenhausbehandlungen wegen Covid ist ähnlich. Dann kommt der große Unterschied: In Deutschland gibt es dreimal so viele Covid-Patienten auf der Intensivstation wie in Spanien. Die Sterblichkeit ist dann in beiden Ländern aber wieder ungefähr gleich.

Francesco De Meo über die Lage auf den Intensivstationen | Foto: Helmut Fricke

Liegen wir also falsch, wenn wir so sehr auf die Intensivstationen schauen?

Am Anfang drehte sich die Diskussion um die Krankenhausbetten insgesamt, dann um das Personal, jetzt um die Intensivkapazitäten. Ich finde, wir sollten das gesamte Bild betrachten. Und ich glaube, es macht wenig Sinn, den Leuten zusätzliche Angst zu machen, solange wir uns auf dem Niveau der zweiten Welle bewegen. Die Belastung kann in einigen Kliniken trotzdem sehr groß sein. Für die Mitarbeiter, die jetzt seit mehr als einem Jahr mit dieser Pandemie kämpfen, stellt sich dann verständlicherweise ein ganz anderes Gefühl ein, sie fühlen sich wirklich nahe dem Kollaps.

Aber das liegt meiner Meinung nach ganz entscheidend daran, dass es jetzt schon so lange dauert. Klar ist aber auch, dass nicht alle im Krankenhaus wegen Corona überlastet sind: Insgesamt behandeln wir ja erheblich weniger Fälle, rund 15 Prozent weniger als im Vorjahr! Wir hatten 2020 zwar 30 000 Covid-Fälle in unseren Häusern, dafür aber 180 000 Patienten mit anderen Indikationen weniger. In manchen Fachgebieten waren es 40 Prozent weniger als im Vorjahr. Wir dachten, dass es einen größeren Nachholeffekt geben würde, aber davon sehen wir bis jetzt noch wenig. Ich fürchte, dass viele notwendige Behandlungen entweder zu spät oder gar nicht vorgenommen werden - und dass wir die Folgen davon an den Sterbefallzahlen ablesen werden können.

Wie unterscheidet sich die dritte von der zweiten Corona-Welle,
abgesehen von den schieren Fallzahlen?

Wir befinden uns ja noch mitten in der dritten Welle. Deswegen muss man mit der Interpretation der Daten vorsichtig sein. Wir haben derzeit aber weniger über Achtzigjährige und damit im Durchschnitt jüngere Covid-Patienten auf der Intensivstation. Und wir beobachten, dass sie länger auf der Intensivstation bleiben.

Wie hat sich die Behandlung von Covid-Patienten verändert?

Was die Medikation angeht, gibt es inzwischen gute Leitlinien. Schwieriger ist die Frage, wer ab wann künstlich beatmet werden sollte. Darüber haben die Fachleute schon vor Corona gestritten. Oft gibt es aber gar keine andere Wahl, als es damit zu versuchen, wenngleich die Sterblichkeit trotzdem relativ hoch liegt. Das ist frustrierend - doch wir dürfen uns davon nicht entmutigen lassen.

Vor allem das Pflegepersonal klagt über Frust und Dauerbelastung.
Wie viele haben bei Helios schon gekündigt?

Bei uns ist es bisher nicht erkennbar, dass uns Pfleger oder Ärzte in größerer Zahl davonlaufen. Im Gegenteil, die allermeisten arbeiten mit großer Motivation, weil sie darin ihre Berufung sehen. Es ist aber auch nicht so, dass alle Kliniken und Stationen gleich stark belastet gewesen wären; viele Bereiche in den Häusern hatten auch weniger zu tun als in anderen Jahren. Viele Pflegekräfte aus diesen Bereichen haben wir entsprechend fortgebildet, so dass sie jetzt auch den Intensivkräften zur Seite stehen können.

Behindern Sie dabei die neuen Personaluntergrenzen, also wie viele Pflegekräfte mindestens für einen Patienten sorgen müssen, um sie unkompliziert auf anderen Stationen einzusetzen?

Entscheidend waren dabei die Regeln für die Intensivstationen. Die wurden in der Pandemie zeitweise ausgesetzt. Ansonsten hätte man mit dem vorhandenen Pflegepersonal die Patienten nicht versorgen können.

Oft heißt es, die Pfleger seien Helden. Wie werden sie bei Helios belohnt?

Wir sind gerade dabei, einen Tarifvertrag abzuschließen, der neben Vergütungssteigerungen auch Boni für die Pflegekräfte enthält, das sind 400 Euro steuerfrei.

Wie wird sich das Gesundheitssystem nach der Pandemie verändern?

Es gibt mehrere Trends. Die ambulante Medizin wird immer wichtiger. Da sind andere Länder schon weiter als wir, dort werden beispielsweise schon Operationen am Knie ambulant durchgeführt. Hierzulande könnten künftig durchaus bis zu 3 Prozent der normalerweise 19 Millionen stationär versorgten Patienten ambulant behandelt werden. Das wird zu der Frage führen, ob man in Deutschland noch alle Kliniken in der heute bestehenden Form braucht.

Patienten werden zunehmend in Versorgungsnetzwerken behandelt werden, also beispielsweise in einer Klinik aufgenommen, aber in einem anderen Haus mit größerer Spezialisierung operiert. Helios macht das heute schon. Außerdem wird die Digitalisierung eine große Rolle spielen, beispielsweise telemedizinische Leistungen.

Wegen dieser breiten Kliniklandschaft ist Deutschland aber vergleichsweise glimpflich durch die Krise gekommen.

Mehr ist nicht gleichbedeutend mit besser. Es geht um die Organisation der Ressourcen. Es gibt viele kleine Häuser, in denen nur ganz wenige oder keine Covid-Patienten behandelt werden. Die hatten aber auch wenig andere Patienten. Für diese Häuser stellt sich generell die Frage nach der künftigen Aufstellung und ob es sie noch braucht. Die Politik wird es aber nach der Pandemie noch viel schwerer haben, emotionsfrei mit Fakten darüber zu diskutieren. Sie wird daran aber nicht vorbeikommen.

Warum?

Weil künftig nicht einfach immer mehr Geld in das Gesundheitssystem gepumpt werden kann. Es wird zwar immer argumentiert, dass das Gesundheitssystem kaputtgespart worden ist. Das stimmt aber nicht. Von 1992 bis 2019 haben sich die Gesundheitsausgaben von jährlich 100 auf 400 Milliarden Euro vervierfacht. Mittlerweile entfallen 11,7 Prozent der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung darauf. Wenn trotz höherer Ausgaben eine schlechtere Leistung wahrgenommen wird, müssen die Strukturen eben modernisiert werden.

Muss Helios Kliniken schließen?

Es geht um eine ganz andere Frage, nämlich welches Angebot in den Kliniken Sinn ergibt. Wir haben zum Beispiel eine Klinik in Bochum teilweise geschlossen, weil es in nur zehn Minuten Entfernung ein großes Klinikum mit Maximalversorgung gibt. Solche Kliniken können sich dann zum Beispiel mit anderen in Versorgungsnetzwerken weiterentwickeln. Für ein einzelnes Haus ist das sicher schwieriger als für uns als Kette.

Die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht hat vor kurzem angeprangert,
dass Helios mitten in der Krise massiv Personal abbaut.
Was ist da dran?

Hier geht es um unsere Besetzung im Ärztlichen Dienst, nicht in der Pflege. Bereits seit einigen Jahren nehmen sowohl die Anzahl der Patienten, die sich in Kliniken behandeln lassen, als auch die Dauer von Klinikaufenthalten ab, eben auch wegen des Trends zu mehr ambulanten Behandlungen. Helios hat in Deutschland vor der Krise mit 10 000 Ärzten rund 1,2 Millionen Patienten im Jahr versorgt, im letzten Jahr waren es, die Covid-Erkrankten eingerechnet, aber nur noch gut eine Million. Den veränderten Bedürfnissen tragen wir Rechnung.

Wir setzen aber niemanden vor die Tür, sondern wir überprüfen bei jeder Nachbesetzung und Neueinstellung, ob sie angesichts sinkender Patientenzahlen tatsächlich benötigt wird oder eben nicht. Seit Anfang Januar waren es bei uns 50 Stellen. Im Durchschnitt planen wir je Klinik mit drei Stellen weniger. In manchen Häusern werden es acht oder neun, in anderen Häusern zwei oder drei, in wieder anderen gar keine sein.

Der Bund hat Kliniken in der Krise entschädigt.
Dennoch klagen viele über finanzielle Einbußen.
Wie sehen Sie das?

Dabei muss man unterscheiden. In der ersten Welle wurden zunächst grundsätzlich alle Kliniken in gleichem Maße für ihre leerstehenden Betten mit einer Pauschale vergütet. Für einige, wie beispielsweise Psychiatrien, war das sehr auskömmlich, für andere Häuser mit hohen Fixkosten nicht, beispielsweise Uni-Kliniken. In der zweiten Welle wurden dann Covid-Kliniken mit Freihaltepauschalen entschädigt, zunächst die großen und später auch die kleineren - je nach Auslastung der Intensivbetten.

Für die kleineren Kliniken wurde das trotzdem schwieriger, weil die Patienten anderer Indikationen weiterhin fehlten. Deswegen gibt es nun zusätzlich noch einen Mindererlösausgleich, der sich am Umsatz vor Corona orientiert. Ich finde das jetzige System gar nicht schlecht, weil es weniger verschwenderisch ist und das Geld nicht nach dem Gießkannen-Prinzip vergibt.

Halten Sie den Inzidenzwert noch für den richtigen Maßstab, um die Pandemie zu steuern? Es macht einerseits einen Unterschied, ob ein Inzidenzwert von 200 Achtzigjährige betrifft. Andererseits werden Jüngere mitunter länger im Krankenhaus behandelt.

Der Inzidenzwert ist dann aussagekräftig, wenn wir alle Daten hinzuziehen und miteinander verknüpfen: Wie viele Patienten sind auf den Intensivstationen, wie alt sind sie, wie lange und wie werden sie behandelt, wie viele versterben?

Was brauchte es denn, um diese Daten deutschlandweit zu erheben?

Wir nutzen die ohnehin vorhandenen Daten, die wir auch an die Krankenkassen melden, die sogenannten Routinedaten. Das Register der Intensivmediziner arbeitet hingegen mit Meldedaten, die gesondert erhoben werden müssen, was es schwieriger macht. Das Bundesgesundheitsministerium hat die rechtliche Grundlage angepasst, so dass Daten einfacher genutzt werden könnten. Man müsste jetzt nur noch den Schalter umlegen. Aber ganz unabhängig davon, war das größte Manko das Versagen der Politik beim Impfen.

Was meinen Sie genau?

Wenn wir früher weitere Altersstufen zumindest einmal geimpft hätten, dann hätten wir jetzt weniger Menschen auf den Intensivstationen. Das Impfen verläuft zu kleinteilig und bürokratisch. Das machen andere Länder viel besser. Wir haben auch angeboten, kostenfrei in unseren Kliniken zu impfen. Aber das wurde ausgeschlagen, weil es über die Bundesländer und Kassenärztlichen Vereinigungen organisiert werden sollte. Es wurde leider nicht geschafft, alte Strukturen aufzubrechen und in einer großen konsolidierten Kraftanstrengung zu handeln.

Wie war die Impfbereitschaft in Ihren Häusern?

Die ist über die Zeit deutlich gestiegen. Aktuell liegen wir bei mehr als 70 Prozent unserer Beschäftigten, die zumindest die Erstimpfung erhalten haben.

Inwiefern werden die Mutationen aus Ihrer Sicht zu weiteren Wellen führen, auf die sich die Kliniken einstellen müssen?

Wir müssen lernen, mit dem Coronavirus längerfristig umzugehen. Die erste Welle war mit Blick auf die Patientenzahl im Vergleich zur zweiten und dritten Welle eigentlich keine Welle. Dennoch wurde politisch und wirtschaftlich massiv eingegriffen. Mit neuen Erkenntnissen hat man dann vernünftiger entschieden. Natürlich werden die Impfungen helfen, aber das Virus wird uns mit seinen Mutationen weiterhin begleiten.

Das Gespräch führten Sebastian Balzter und Ilka Kopplin.

Francesco De Meo - ein etwas anderer Manager: kein Chauffeur, Tattoos und bald zehn Kinder

Der im Dezember 1963 geborene oberste Manager von Helios ist für seine direkte und pragmatische Art bekannt. Seine Termine vereinbart er selbst, einen Chauffeur hat der Vorstandschef von Deutschlands größter Krankenhauskette, die rund
120 000 Mitarbeiter und allein hierzulande rund 90 Kliniken zählt, ebenfalls nicht.

Auch Anzug und Krawatte liegen dem tätowierten Spitzenmanager fern. Womöglich liegt das an seiner Herkunft: De Meos Vater kam als Gastarbeiter  in der Metallindustrie auf die Schwäbische Alb, er wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Mit Zeitungsaustragen verdiente er sich früh etwas Taschengeld.

Nach dem Abitur studierte er Jura an der Universität Tübingen, arbeitete zunächst als Rechtsanwalt und danach für einige Jahre als Unternehmensberater. Im Jahr 2000 verschlug es ihn schließlich zu den Helios-Kliniken, zunächst als Leiter Recht und Personal.

Nach dem Verkauf an den  Fresenius-Konzern stieg Francesco De Meo an die Spitze der Klinik-Kette auf. Er  ist in dritter Ehe verheiratet. Zur Patchwork-Familie gehören neun Kinder, ein weiteres ist unterwegs.