Blogbeitrag vom 13.10.2020

Covid 20

Covid 20

Covid-19 ist eine Krankheit bei Menschen, die durch Viren verursacht wird. Covid-20 nenne ich eine Krankheit der Gesellschaft, die durch den Umgang mit Covid-19 verursacht wird. Covid-20 ist allgegenwärtig. Die Menschen achten auf Infektionszahlen wie früher auf das Wetter. Und sie haben Angst.

Die Symptome einer Covid-20-Gesellschaft: wir können uns nicht mehr frei bewegen, wir können nicht mehr langfristig planen, unser tägliches Leben in Beruf und Familie wird fremdbestimmt durch – mangels Evidenz – willkürlich anmutende Maßparameter eines unsicheren Infektionsgeschehens.

Seit das wöchentliche Infektionsgeschehen zum Primat allen politischen und gesellschaftlichen Handelns erhoben wurden, befördert Covid-20 die Entwicklung einer per Allgemeinverfügungen regulierten Gesellschaft. Das Ganze angeordnet durch Regierungsakte auf verschiedenen regionalen oder lokalen Exekutivebenen, dies auf der Grundlage von Ermächtigungsgesetzen ohne weitergehende parlamentarische Kontrolle. Wegen der sich permanent ändernden Exekutivmaßnahmen reduziert sich der Rechtsschutz gegen das Regierungshandeln auf bloßen einstweiligen Rechtsschutz, den sich nur wenige leisten, und der zudem jederzeit von neuen Anordnungen überholt wird. Covid-20 ist ein Nährboden für Populismus und für die Stigmatisierung Andersdenkender in einer Gesellschaft. Covid-20 gefährdet fundamentale Grundsätze unserer bisherigen freien westlichen Lebensweise. Covid-20 ist geeignet, ökonomisch mehr Existenzen zu vernichten, als Menschen an Covid-19 verstorben sind, dem ursprünglichen Anlass für unser Handeln. Covid-20 ist eine Gesellschaft, in der ein Virus bestimmt, wer was wann darf.

Dr. Francesco De Meo
Dr. Francesco De Meo; Vorstand von Fresenius verantwortlich für den Unternehmensbereich Fresenius Helios

Wir haben an Ostern unser Baby getauft. In einer Kirche mit 500 Sitzplätzen waren zehn Taufgäste erlaubt, und zehn Besucher des Ostergottesdienstes aus der Gemeinde. Der Pfarrer hielt die Predigt mit Maske von der Kanzel in zwölf Metern Entfernung vom Taufbecken, die Dauer des Gottesdienstes war auf 25 Minuten begrenzt.

Der Taufakt wurde von uns selbst mit Paten am Taufbecken vorgenommen. Vor Gott gilt das auch, meinte der Pfarrer, wichtig sei der Ausspruch der Taufformel während Wasser über den Täufling fließt.

Im Wald begegne ich meiner Nachbarin, eine 70-jährige Rentnerin. Sie macht täglich ihren Spaziergang, der ist beschwerlich geworden wegen der Maske, erzählt sie. Im Bus trifft sie später eine alte Freundin, beide haben sich lange nicht gesehen, setzen sich nebeneinander. Sie nehmen die Masken ab, um Atem zu schöpfen und sich über die Enkel zu unterhalten. Die sie nicht mehr sehen, auch nicht zum 70. Geburtstag. In der Schule haben uns Lehrer empfohlen, die Kinder sollen doch Briefe an Großeltern schreiben, um auf diese Weise Kontakt zu halten. Auch der Austausch mit der französischen Partnerstadt fällt aus, die Kinder pflegen einen Briefaustausch. Für viele Kinder sind Briefe beschwerlich, sie nutzen Smartphones und Pads, nach anfänglich spannenden digitalen Begegnungen wird das irgendwie monoton, es fehlt echter Kontakt, es fehlt das geteilte Erlebnis, es fehlt schlicht Nähe.

Jetzt im Herbst besuche ich wieder unsere Kliniken in Spanien. Im Taxi zum Flughafen Frankfurt erklärt mir der Taxifahrer, dass er die Maske nicht mehr tragen darf während der Fahrt. Neue Anordnung von oben, meint er, wegen der Blitzer. Viele Kollegen habe man in den letzten Wochen bei Verstößen nicht belangen können, weil die Masken das Blitzfoto unbrauchbar machten.

Im Flieger nur ein Drittel der Plätze belegt. Jeder hat seine Reihe, zwischen den belegten Plätzen drei Reihen frei. Wegen der Maskenpflicht haben sich einige mit Tüten voller Essen und Getränken eingedeckt, und futtern oder trinken während des gesamten Fluges, damit die Masken unten bleiben. Die Stewardess freut sich, weil sie wieder fliegen darf, sie hat Angst um ihren Job.

In Spanien dauert die Abfertigung länger. Es ist weniger als ein Zehntel der früheren Fluggäste, aber jeder muss ein ausgefülltes Formular vorweisen mit Gesundheitserklärungen, und für die individuelle Nachverfolgung. Wer das Formular nicht schon online ausgefüllt hat, steht in einer langen Schlange, übergibt das zweiseitige Formular, dessen Daten von vier Mitarbeitern der Gesundheitsbehörden in den Computer eingetippt und gescannt werden. Das kenne ich von früher, sagt die Großmutter vor mir zu ihrer Enkelin. Bei uns in der DDR war das auch so, fügt sie hinzu. Die beiden umarmen sich.

Ich frage mich, was das mit unseren Kindern macht, wenn Covid-20 lange so weiter geht. Und was mit den Großeltern, meiner Nachbarin, dem Taxifahrer, der Stewardess. Ich frage mich, was Covid-20 mit uns allen macht. Ich erinnere mich, dass früher in meiner Jugend bei Demonstrationen ein sog. „Vermummungsverbot“ galt: wer was zu sagen hatte, sollte sein Gesicht zeigen. Heute gilt ein Demonstrationsverbot für den, der das ohne Maske tut. Mich beschäftigt die Frage, wie unsere Gesellschaft Covid-20 gut übersteht.          

In Spanien war viel Covid-19. Mit den Kollegen spreche ich über meinen PCR-Test für die Rückreise. Die Kollegen erzählen von ihren Antikörpertests. Viele von ihnen hatten ihr persönliches Covid-19-Erlebnis im April. In Spanien kam alles früher, und heftiger. Aber die spanischen Kollegen haben das gut gemeistert. Mehr Sorge macht ihnen nun Covid-20. Spanien scheint „down“ von den harten Maßnahmen, mit denen Covid-19 nicht wirklich bezwungen wird, aber sich Covid-20 immer weiter ausbreitet. Der Busfahrer trägt Maske, auch seine Frau, die er seit einigen Wochen als Beifahrerin mit nimmt. Sie hat keinen Job mehr, der Tourismus fehlt. So muss sie nicht allein zu Hause sitzen, und er hat jemanden, mit dem er in den Pausen ohne Maske plaudern kann. Gegenwärtig kommen sie gut klar, Hauptsache die Busse fahren noch. Die Gassen in der Altstadt von Palma sind leer. Der Busfahrer kurbelt an der roten Ampel die Scheibe herunter. Neben ihm steht ein Kollege, den er lange nicht mehr getroffen hat. Beide unterhalten sich von Fenster zu Fenster, wie in alten Zeiten, ohne Masken. Es gibt doch noch Normalität. Die Neue eben.   

Wir haben Covid-19 gut gemeistert! Mit dem was Fresenius auszeichnet. Besonnenheit, Beharrlichkeit, Professionalität. Weil alle Mitarbeiter motiviert angepackt haben. Weil wir Probleme gelöst haben. Weil wir ohne zu zögern und ohne Angst getan haben, was getan werden musste. Das ist allein Verdienst der Kollegen und Kolleginnen in Deutschland wie in Spanien und Lateinamerika. Die spanischen Kollegen haben hierzu einen Film gedreht, der hat den Titel „El Destino“. Das steht für die Bestimmung, oder das Schicksal, oder nennen wir es einfach für das, was unseren Beruf ausmacht, unsere Berufung. Bei Krankheit für die Menschen da sein!

El Destino - Quironsalud

Nähe und Distanz - Helios

In unseren deutschen Kliniken war Covid-19 spürbar, hat jedoch nie das Maß einer Bedrohung für das Gesundheitssystem erreicht. In Spanien war die Lage kritischer, wir hatten das Zehnfache an Covid-19 Fällen in unseren Kliniken, mit einem Viertel der Betten- und einem Drittel der Intensivkapazitäten. Alle Kollegen und Kolleginnen haben beherzt das Schicksal der ihnen anvertrauten kranken Menschen in die Hand genommen: „El Destino“. Mit Kraft und Mut haben sie Covid-19 bekämpft, besonnen, beharrlich handelnd für die Menschen, und einem Höchstmaß an Professionalität. Allen gebührt – in Deutschland, Spanien und Lateinamerika – Dank und höchste Anerkennung!

Und doch hat alles scheinbar wenig gebracht. Covid-19 ist nicht weg. Covid-20 hat zudem die Gesellschaft im Griff. Was können wir tun gegen Covid-20, und das in einer Zeit, wo auch Covid-19 uns weiter in den Bann ziehen wird? Wir können einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung von Covid-20 leisten. Jeder von uns, jeden Tag vor Ort, in unseren Kliniken, Praxen, Verwaltungen und Betrieben. Wir können aufgreifen, was die Menschen beschäftigt. Das ist die Angst um Covid-19, und was dies für uns alle bedeutet. Covid-20 macht die Menschen zunehmend wütender, ein Großteil der Gesellschaft hat mittlerweile mehr Angst vor Covid-20 als vor der ursprünglichen Krankheit Covid-19. Es geht dabei nicht nur um die „Kollateralschäden“, die mein Kollege Stephan Sturm schon aufgezeigt hat. Es geht mittlerweile um mehr als das. Es geht darum, wie wir heute und künftig mit einem Virus leben wollen, können und dürfen. Es geht um unsere individuelle soziale Verantwortung und um unseren Beitrag als Unternehmen.

Wir sollten auch bei Covid-20 nicht stillhalten, sondern unserer Berufung folgen. Wir können den Menschen Sicherheit durch medizinische Evidenz und ehrliche Transparenz geben, ihre meist diffusen Ängste aufgreifen und sie dort abholen. Wir können den Menschen eine Orientierung geben. Viele werden auf uns, viele werden auf Sie hören, wenn Sie Ratschläge zum Schutz und zum Umgang mit Infektionen und im Einzelfall mit Covid-19 geben. Das gilt für unsere Patienten, deren Angehörige, aber auch für Institutionen und auch die Politik. Wir haben in Deutschland heute weniger als 100 Covid-Patienten in unseren Kliniken. Wir haben in Spanien und Lateinamerika heute knapp 1000 davon. Kein Grund zur Sorge für das Unternehmen, aber auch keiner für die Menschen in der Gesellschaft. Im Gegenteil: wir haben uns bewährt in der Covid-Krise. Wir können mit der Krankheit umgehen. Wir sind menschlich und als Unternehmen klüger als vor Covid-19, und besser vorbereitet denn je. Und wir können mittlerweile aus den Daten der vergangenen sechs Monate ableiten, was Covid-19 medizinisch tatsächlich für die Menschen und das Gesundheitssystem bedeutet. Wir haben in Deutschland Evidenz über das Covid-Geschehen mit fast 3 Millionen Patientendaten. Wir werden diese offen legen. Ein erster wichtiger Schritt, um Transparenz zu schaffen und das Handeln in Politik, Gesellschaft und Institutionen an den Fakten zu messen. Wir werden als Unternehmen verantwortlich handeln, besonnen, beharrlich, professionell. Aber wir werden wegen Covid-20 nicht Ruhe geben. Wie bei Covid-19 ist es auch bei der Diskussion um Covid-20 wichtig, den Fakten mehr Gehör zu verschaffen. Weg von den Meinungen einzelner, weg von Populismus oder Selbstdarstellung, hin zu einem reflektierten Umgang mit dem Virus, bei dem nicht ausschließlich das Infektionsgeschehen im Mittelpunkt steht, sondern die Frage nach den Folgen. Soweit und solange das Infektionsgeschehen nicht dazu führt, dass Menschen in einem Ausmaß erkranken, das die Dimension einer normalen Grippewelle abbildet, braucht es kein Covid-20.

Die Fakten zeigen, dass wir in den vergangenen Monaten übertrieben angstgetrieben gehandelt haben. Was verständlich ist, da die Faktenlage dünn war und der Schutz der Menschen und die Funktionalität der Gesundheitssysteme im Zweifel stand. Beides wissen wir nun aber besser. Deshalb gilt es zügig umzusteuern. Damit nicht am Ende Covid-19 beherrschbar wird, aber Covid-20 unsere Gesellschaft und unser Lebensbild in einer freien Gesellschaft zerstört hat. Die Basistherapien gegen Covid-20 lauten: Toleranz, Evidenz und Transparenz. Sie hilft gegen Schubladen, Populismus und sozialen Irrsinn. Wir müssen das gesellschaftliche Gespräch suchen, transparent auf Basis der Evidenz. Das kommt bislang zu kurz bei Covid-20. Evidenz und Transparenz helfen auch als beste Therapie im Kampf gegen Narzissmus, Populismus und Schubladendenken. Zu Beginn war die Evidenz zu Covid-19 karg. Studien wurden als solche bezeichnet, auch wenn sie in ihrer Qualität eher anekdotischen Charakter hatten. Das ist mittlerweile anders. Und wir haben als Unternehmen einen bedeutenden Beitrag dazu geleistet. Mit der Veröffentlichung von Daten, die große Patientenkollektive umfassen. Darauf dürfen wir besonders stolz sein. Auch wenn nicht jedem in Politik, Institutionen und Gesellschaftsgruppen die Ergebnisse behagen. Denn sie stellen – wie könnte es anders sein – einige Entscheidungen in Frage. Es geht nicht darum, rückblickend Schelte zu betreiben. Jeder kann nachvollziehen, dass manche Entscheidungen in der Eile und aufgrund der unsicheren Faktenlage nicht immer treffsicher gefunden wurden. Aber wir erwarten eine reflektierte Korrektur für die Zukunft. Damit Covid-20 weggeht.

Ihr,

Francesco De Meo